Bauen im Bestand, Sanierung
Umnutzung von Gebäuden
Steigende Baukosten, knappe Ressourcen, ambitionierte Klimaziele und ein zunehmender Flächenmangel in urbanen Räumen zwingen Planer, Investoren und Kommunen zum Umdenken. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Umnutzung von Bestandsgebäuden – häufig auch als „Conversion“ oder „Transformation“ bezeichnet – auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Damit verbunden sind auch meist erhöhte und spezifische Arbeitsschutzanforderungen, da der Bestand Unbekanntes, Altlasten und laufende Nutzungen mit sich bringt.
Gebäude sind für einen erheblichen Teil der CO₂-Emissionen verantwortlich – sowohl im Betrieb als auch durch sogenannte „graue Energie“, die in Baustoffen und Konstruktion steckt. Jede erhaltene Tragstruktur, jede weitergenutzte Fassade spart Ressourcen, Energie und Emissionen und unterstützt dabei, dass Klimaziele erreicht werden. Zugleich verändert sich der Bedarf an Flächen grundlegend: Der stationäre Einzelhandel schrumpft, Büroflächen stehen seit der Covid-19-Pandemie und dem verstärkten Homeoffice-Trend vielerorts leer, während Wohnraum – insbesondere in Ballungszentren – weiterhin knapp ist. Die Transformation leerstehender Kaufhäuser, Büroimmobilien, Verwaltungsgebäude, Industriebauten oder Kirchen in Wohn-, Bildungs- oder Mixed-Use-Konzepte bietet die Chance, bestehende Stadtstrukturen zu revitalisieren, ohne neue Flächen zu versiegeln – und gleichzeitig Lösungen für die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt in vielen deutschen Städten zu finden.
Das ehemalige Getreidesilo von Kellogg’s wurde zum Hotel umgebaut.
Chancen und Risiken
Neben ökologischen Vorteilen eröffnet die Umnutzung auch wirtschaftliche Perspektiven. In vielen Fällen können Projektlaufzeiten verkürzt werden, da bestehende Baukörper und Erschließungen genutzt werden. Darüber hinaus ermöglicht die Umnutzung den Erhalt baukultureller Identität. Historische Industriehallen, Verwaltungsgebäude oder ehemalige Kaufhäuser und Bahnhofsareale erhalten durch neue Funktionen eine zweite Lebensphase. Solche Projekte stärken das städtebauliche Gefüge, schaffen Identifikationsorte und erhöhen die Attraktivität ganzer Quartiere.
Bestandsgebäude bergen allerdings auch häufig Überraschungen: unzureichende Tragreserven, Schadstoffe, fehlender Brandschutz oder energetische Defizite können den Planungs- und Kostenrahmen erheblich beeinflussen. Eine fundierte Bestandsanalyse ist daher unerlässlich.
Auch baurechtliche Aspekte stellen eine Herausforderung dar. Nutzungsänderungen erfordern in der Regel neue Genehmigungen, Anpassungen an aktuelle Normen oder Nachweise zur Barrierefreiheit, an Schallschutz, Raumklima, Sanitärtechnik (z. B. Umwandlung von WC-Anlagen) und zur Energieeffizienz. Vor allem die Anpassung an aktuelle Sicherheitsstandards beim Brandschutz und an die Statik können technisch komplex und sehr aufwendig sein.
Umnutzung
Eine Umnutzung liegt vor, wenn die genehmigte Nutzungsart oder Zweckbestimmung einer baulichen Anlage geändert wird (z. B. vom Büro zur Wohnung). Die Nutzungsänderung unterliegt in Deutschland strengen baurechtlichen und arbeitsschutzrechtlichen Vorschriften. In der Regel muss für die Nutzungsänderung beim Bauamt eine Baugenehmigung gestellt werden. Nur wenn eine neue Nutzung keine anderen oder weitergehenden Anforderungen als die alte stellt (z. B. Umwandlung einer Arztpraxis in eine Anwaltskanzlei), ist keine Genehmigung nötig (genehmigungsfreie Nutzung).
Wirtschaftlich sind Umnutzungsprojekte oft mit unkalkulierbaren Risiken verbunden. Anders als beim Neubau lassen sich Kosten im Bestand nicht immer präzise prognostizieren. Zudem fallen Skalierungsvorteile weg. Während im Neubau bzw. auch teilweise bei der energetischen Sanierung durch vorgefertigte Elemente serielles Arbeiten möglich ist und so Kosten- und Zeitersparnisse ermöglicht, sind Gebäude mit Umnutzungsauftrag in der Regel individuell und bedürfen auch exklusiver, individualisierter Lösungen. Zudem ist auch die Finanzierung oft schwierig: Banken bewerten Umnutzungsprojekte teils kritisch, da die künftige Wertentwicklung schwerer einzuschätzen ist als bei Neubauten.
Sicher umbauen – Anforderungen an Arbeitsschutz
Bei Umnutzungsprojekten bestehen in der Regel erhöhte und spezifische Arbeitsschutzanforderungen, da der Bestand Unbekanntes, Altlasten und laufende Nutzungen mit sich bringt – die Arbeitsbedingungen sind weniger vorhersehbar und schwerer kontrollierbar. So zeigen die Unfallstatistiken der DGUV und der BG BAU höhere Unfallraten bei Bestandsbauten/Umbauten, insbesondere bei Abbrucharbeiten, Rückbau und Kernsanierungen, als beim Neubau. Häufige Unfallarten sind Abstürze von Personen, Einklemmen, Stolpern, Rutschen, Stürzen und Verletzungen durch herabfallende Bauteile.
DGUV‑Unfallstatistik Arbeitsunfallgeschehen 2024
| Arbeitsumgebung | Anzahl meldepflichtiger Arbeitsunfälle | Anteil (%) |
| Baustelle – Neubau | 26.379 | 25,4 % |
| Baustelle – Abriss, Renovierung, Wartung eines Gebäudes | 37.966 | 36,5 % |
| Baustelle – sonstige | 38.432 | 37,0 % |
| Gesamt: Baustellenunfälle | 103.949 | 100,0 % |
→ Unfälle im Bereich Abriss, Renovierung und Wartung (also typischen Umbau‑/Bestandsarbeiten) sind mit 36,5 % deutlich höher als beim Neubau mit 25,4 %.
Unbekannte Risiken hinsichtlich Statik und Leitungen
Bei Umnutzungen ist die Bausubstanz oft nur unvollständig dokumentiert: Leitungen (Strom, Gas, Fernwärme, Sprinkler) verlaufen anders als erwartet und die tatsächliche Tragfähigkeit einzelner Bauteile kann von den ursprünglichen Annahmen abweichen. Zudem arbeitet man in bestehenden, teilweise geschwächten Strukturen. Wenn Wände entfernt, Decken durchbrochen oder neue Installationsschächte geschaffen werden, greift man in ein vorhandenes System ein. Falsche Einschätzungen können zu Instabilitäten oder sogar Einstürzen führen. Provisorische Abstützungen und Übergangslösungen erhöhen zusätzlich die Komplexität und das Unfallrisiko.
Aufgrund dieser Unwägbarkeiten sind vor Beginn der Arbeiten umfassende Bestandsanalysen, Bauwerksuntersuchungen und Gefährdungsbeurteilungen erforderlich.
Altlasten: Gefahrstoffe im Bestand
Ein zentrales Thema bei Umnutzungen sind Schadstoffe in Bestandsgebäuden, insbesondere bei Gebäuden aus den 1950er- bis 1990er-Jahren. Typische Gefahrstoffe im Bestand sind: Asbest (Dämmungen, Bodenbeläge, Putze), PCB (Fugenmassen, Beschichtungen), PAK (Teerprodukte), künstliche Mineralfasern (KMF), Schimmelbelastungen und bleihaltige Anstriche.
Werden Bauteile geöffnet oder zurückgebaut, können diese Stoffe freigesetzt werden. Dann greifen u. a. die Vorgaben der Gefahrstoffverordnung, und es müssen besondere Schutzmaßnahmen getroffen werden – u. a. der Einsatz sach- und fachkundiger Personen, Anzeige bestimmter Arbeiten bei der Behörde, Abschottung belasteter Bereiche, geeignete Persönliche Schutzausrüstung (PSA) und Dokumentationspflichten.
Das Risiko besteht auch darin, dass Schadstoffbelastungen oft erst während des Bauprozesses bekannt werden und Beschäftigte bis dahin möglicherweise bereits exponiert waren.
Wichtig sind deshalb die Voruntersuchungen durch Schadstoffgutachten. Fehlende oder verspätete Erkundungen führen regelmäßig zu Bauverzögerungen und erheblichen Haftungsrisiken.
Beim Umbau von asbesthaltigen Gebäuden sind besondere Schutzmaßnahmen zu berücksichtigen.
Gefährdungen durch Arbeiten bei laufendem Betrieb
Oft finden Umbauten zudem unter beengten Verhältnissen oder sogar bei teilweiser Weiternutzung des Gebäudes statt. Eingeschränkte Fluchtwege, parallele Arbeiten verschiedener Gewerke und erschwerte Materiallogistik erhöhen die Gefahr von Kollisionen, Abstürzen oder organisatorischen Fehlern. Viele Umnutzungen erfolgen in teilweise weitergenutzten Gebäuden (z. B. Büro, Krankenhaus, Schule, Wohnanlage). Dadurch entstehen zusätzliche Risiken: Schutz unbeteiligter Dritter, Staub- und Lärmemissionen, Flucht- und Rettungswegbeeinträchtigungen, Brandschutz während Bauphasen sowie Trennung von Baustellen- und Publikumsverkehr.
Hier sind klare Baustellenlogistik- und Sicherheitskonzepte erforderlich, inklusive separater Baustellenzugänge, zeitlich versetzter Arbeiten und temporärer Brandschutzmaßnahmen.
Wenn Umbauarbeiten bei laufendem Betrieb stattfinden, sind klare Baustellenlogistik- und Sicherheitskonzepte erforderlich
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Durch Teilabbrüche oder Eingriffe in tragende Strukturen kommt es zu Gefährdungen durch herabfallende Bauteile, Einsturzgefahr, Staubentwicklung und unklare Lastumlagerungen. Zudem bieten Bestandsgebäude häufig enge Treppenhäuser, fehlende Aufzüge, begrenzte Kranstellflächen und geringe Deckenhöhen. Das erschwert Materialtransport und Montagearbeiten – und erhöht das Unfallrisiko. Darüber hinaus ist die Koordination im Bestand meist komplexer als im Neubau, da hier die Abläufe in der Regel weniger klar strukturiert und räumlich besser planbar sind. Das heißt, dass Arbeiten oft in engen, bestehenden Strukturen erfolgen, Gewerke sich räumlich überlagern und Provisorien zusätzliche Gefahren schaffen.
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Ein oft unterschätztes Risiko bei Umnutzungen ist der temporär geschwächte Brandschutz während Bauphasen, z. B. durch Durchbrüche in Brandabschnitten, deaktivierte Brandmeldeanlagen und entfernte Türen oder Abschottungen. Hier müssen Interimskonzepte erstellt, Brandwachen eingeplant und die Behörden frühzeitig eingebunden werden.
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Der durch unvorhersehbare Mehrkosten (z. B. Entdecken verdeckter Schäden) entstehende Termin- und Kostendruck kann zu riskanten Entscheidungen oder Abweichungen von Sicherheitsstandards führen. Das erhöhte Gefahrenpotenzial entsteht beim Umbau also weniger durch die Bauaufgabe selbst, sondern durch die Unsicherheit, die der Bestand mit sich bringt. Gerade deshalb sind sorgfältige Voruntersuchungen, realistische Zeitplanung und eine besonders gründliche Koordination entscheidend.
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Verantwortlichkeiten
Um Umnutzungsprojekte nicht nur erfolgreich, sondern sicher für Beschäftigte und andere Beteiligte zu gestalten, müssen von Anfang an die Verantwortlichkeiten für alle Tätigkeiten geklärt sein.
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Beim Umbau von Bestandsgebäuden trägt der Bauherr trotz übertragener Aufgaben eine zentrale Verantwortung für den Arbeitsschutz. Er muss geeignete Strukturen schaffen, einen Sicherheitsund Gesundheitsschutzkoordinator (SiGeKo) laut BaustellV bestellen und – sofern erforderlich – einen Sicherheits- und Gesundheitsschutzplan (SiGe-Plan) erstellen lassen. Zudem trifft ihn eine Auswahl- und Überwachungspflicht: Er hat fachkundige und zuverlässige Unternehmen zu beauftragen, insbesondere bei schadstoffbelasteten Gebäuden. Verstöße, etwa bei unsachgemäßer Asbestsanierung, können zu Baustopps, Bußgeldern oder sogar strafrechtlichen Konsequenzen führen. Darüber hinaus besteht eine Verkehrssicherungspflicht. Der Bauherr muss gewährleisten, dass von der Baustelle keine Gefahren für Dritte ausgehen – ein Risiko, das bei Umbauten im Bestand oder im laufenden Betrieb höher ist.
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Der Bestand erhöht nicht nur die technische Komplexität, sondern auch das Haftungsrisiko und die Anforderungen an Sorgfalt, Koordination und Dokumentation für Architekten und Fachplaner. Zunächst trifft die Planer eine umfassende Prüf- und Hinweispflicht. Sie dürfen sich nicht allein auf vorhandene Bestandsunterlagen verlassen, sondern müssen prüfen, ob diese plausibel und vollständig sind. Bei erkennbaren Unklarheiten – etwa zur Statik, zu Schadstoffen oder zu verdeckten Leitungen – müssen sie den Bauherrn auf zusätzliche Untersuchungen hinweisen. Im Hinblick auf den Arbeitsschutz sind Planer bereits in der Entwurfs- und Ausführungsplanung gefordert. Bauabläufe, Zugänglichkeiten, Absturzsicherungen oder Rückbaukonzepte müssen so geplant werden, dass Gefährdungen möglichst vermieden oder minimiert werden.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Koordinationsverantwortung. Umbauten erfordern häufig ein enges Zusammenspiel von Tragwerksplanung, Schadstoffgutachtern, Haustechnikplanung und Bauausführung. Planungsfehler entstehen im Bestand oft an Schnittstellen. Deshalb steigen die Anforderungen an Abstimmung, Detailtiefe und Dokumentation erheblich. Unklare Details oder unvollständige Ausführungspläne können direkt zu Gefährdungen auf der Baustelle führen.
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Auch für ausführende Bauunternehmen sind Umbauten im Bestand anspruchsvoll und mit erhöhten Haftungs-, Organisationsund Kostenrisiken verbunden. Anders als beim Neubau treffen sie häufig auf unvorhersehbare Gefahrenquellen, die eine flexible, aber rechtssichere Anpassung der Arbeitsabläufe erfordern. Zunächst besteht die unmittelbare Verantwortung für die Sicherheit der eigenen Beschäftigten. Verpflichtend ist, vor Beginn der Arbeiten eine tätigkeitsbezogene Gefährdungsbeurteilung zu erstellen und diese fortlaufend zu aktualisieren. Werden im Zuge des Umbaus auch noch asbesthaltige oder andere belastete Materialien entdeckt oder freigesetzt, müssen die Anforderungen der Gefahrstoffverordnung erfüllt werden.
Hinzu kommt die Pflicht zur Zusammenarbeit und Koordination auf der Baustelle entsprechend den Vorgaben des SiGe-Plans. Bei Umbauten überschneiden sich häufig Abbruch-, Sanierungs- und Ausbauarbeiten, was die Abstimmung erschwert. Unterbleibt die Koordination, steigt das Risiko von Abstürzen, Kollisionen oder gegenseitigen Gefährdungen. Wirtschaftlich ergeben sich ebenfalls erhebliche Konsequenzen. Unvorhergesehene Schäden, zusätzliche Sicherungsmaßnahmen oder Schadstofffunde können Bauabläufe verzögern. Unternehmen müssen dann prüfen, ob es sich um eine vergütungspflichtige Leistungsänderung handelt. Gleichzeitig dürfen sie nicht aus Kostendruck Abstriche bei Sicherheitsmaßnahmen machen.
Beispiele für die Umnutzung
In Deutschland gab es in der jüngeren Vergangenheit einige bemerkenswerte Umbauten von Gewerbe- und Sakralbauten.
Vom Silo, Bunker und Gefängnis zum Hotel
In Bremen wurde beispielsweise ein Kellogg’s Getreidesilo zum Hotel umgebaut. In den Zimmern und im Empfangsbereich ist die ursprüngliche Nutzung noch erkennbar.
Hotel John & Will
Einen ausführlicheren Bericht zum Umbau des ehemaligen Getreidesilos von Kellogg's zum Hotel finden Sie hier
In Hamburg wurde aus dem Bunker auf St. Pauli der „Grüne Bunker“. Dieser spektakuläre Bau wartet mit einem modernen Hotel („Reverb by Hard Rock“), einem öffentlich zugänglichen „Bergpfad“, einem nachhaltig angelegten Dachgarten sowie einem großzügigen Veranstaltungsbereich und Gedenkstätten auf. Beliebt ist auch die Umnutzung von Gefängnissen, wie z. B. in Offenburg das „Hotel Liberty“, das in einer ehemaligen Justizvollzugsanstalt errichtet wurde.
Umnutzung von Sakralbauten
Etwa 45.000 Kirchen gibt es laut Stiftung Baukultur bundesweit – von der Dorfkapelle bis zur großstädtischen Kathedrale. Viele von ihnen stehen leer und sind kurz vor dem Abriss. Um Kirchen, die nicht mehr als religiöse Stätten genutzt werden, zu aktivieren, gibt es ganz unterschiedliche Konzepte: Kirchen dienen z. B. als Konzerthalle, Galerie, Kultur- oder Bücherort, können aber auch ungewöhnlich genutzt werden.
Pfarrkirche St. Peter in Mönchengladbach wurde die Kletterkirche.
So ist die ehemalige katholische Pfarrkirche St. Peter in Mönchengladbach jetzt eine Kletterhalle. In der katholischen Pfarrkirche St. Rochus im Jülicher Heckfeld befindet sich seit 2023 ein Fahrradgeschäft. Bei beiden Projekten wurde sehr behutsam mit dem Bestand umgegangen. Viele Elemente wurden nur abgedeckt und nicht entfernt, um gegebenenfalls in die ursprüngliche Nutzung zurückgehen zu können.
Fahrradgeschäft in der ehemaligen katholischen Pfarrkirche St. Rochus in Jülich
Zunehmend werden Kirchen auch als Wohnraum umgenutzt, was z. B. aktuell in der Bethanienkirche in Berlin-Weißensee geplant ist. In der Turmruine und einem angrenzenden Neubau sollen bis Ende 2026 insgesamt 17 Wohnungen entstehen. Drei Einheiten sind im denkmalgeschützten Turm vorgesehen, während der Neubauflügel die Grundfläche des im Krieg zerstörten Kirchenschiffs aufgreift.
Neue Nutzung von Kaufhäusern
Aber auch Kaufhäuser erfahren eine neue Nutzung: Das ehemalige „Centrum Warenhaus“ am Berliner Ostbahnhof wurde zum UP! Berlin, einem modernen Bürogebäude mit neuer Fassade, umgebaut. In Chemnitz wird das von Erich Mendelssohn entworfene Kaufhaus Schocken aus dem Jahre 1930 jetzt als Staatliches Museum für Archäologie genutzt.
UP! Berlin
Das 1979 eröffnete, ehemalige Centrum-Warenhaus neben dem Berliner Ostbahnhof ist ein siebengeschossiger Betonskelett-Quader. In rund vierzig Jahren hatte das Gebäude mit der markanten orange-türkisen Pixel-Fassade aus Mosaikfliesen viele Eigentümer erlebt – von Hertie über Galeria Kaufhof bis zum Signa-Konzern. Dieser lobte 2016 einen geladenen Architektenwettbewerb aus. Die Ziele: die Entwicklung eines zeitgemäßen Nutzungskonzeptes und eine bauliche Umgestaltung. Signa entschied sich für den Entwurf von Jasper Architects (Berlin). Er sah einen Start-up-Hub mit der Teilung der Geschossflächen in bis zu acht Mieteinheiten vor. Mit der Umplanung beauftragte Signa das Architektenbüro in Planungsgemeinschaft mit Gewers Pudewill (Berlin). Derzeit sind die Räume an Zalando vermietet.
smac Chemnitz
Das heute denkmalgeschützte Museumsgebäude wurde nach Plänen des berühmten Architekten Erich Mendelsohn gebaut und am 15. Mai 1930 als Kaufhaus Schocken eröffnet. Nach Stuttgart und Nürnberg war es der dritte Kaufhausbau Mendelsohns für Simon und Salman Schocken. Von Zwickau aus betrieb die Schocken KG bis zur Enteignung durch die Nationalsozialisten Ende 1938 eine der erfolgreichsten Warenhausketten Deutschlands.
Bis 1945 als Merkur Verkaufsstätte, dann als HOWA und Centrum Warenhaus und schließlich von 1990 bis 2001 als Kaufhof geführt, kann das Haus auf eine 71-jährige Kaufhausgeschichte zurück blicken.
Am 15. Mai 2014 - also genau 84 Jahre nach der Eröffnung als Kaufhaus - bekam das Gebäude eine neue Funktion: als Sitz des Staatlichen Museums für Archäologie Chemnitz, kurz smac.
Umnutzung von Bürobauten
Mit Abstand die gefragteste Umnutzung ist der Umbau von Bürogebäuden zu Wohnfläche. Vor allem seit der Corona-Zeit haben sich die Flächen für Büroarbeitsplätze stark verringert.
Der Big 7-Büromarktbericht Q1 20261 des Immobilienunternehmens Jones Lang LaSalle (JLL) weist zum Ende des ersten Quartals 2026 eine durchschnittliche Leerstandsquote von 8,3 % in den sieben deutschen Bürometropolen auf. Im Gegensatz dazu steigt der Bedarf an Wohnraum stetig. Auch wenn sich nicht alle Büroflächen zum Wohnen eignen und die meisten Flächen umfangreiche Umbaumaßnahmen erfordern, ließen sich laut einer Studie des ifo Instituts2 dennoch rund 30 % der leerstehenden Flächen in technischer und baurechtlicher Hinsicht in Wohnraum umwandeln.
Altersgerechtes Wohnen im ehemaligen GESOBAU-Verwaltungsgebäude
Von 1971 bis 2019 wurde das Gebäude am Wilhelmsruher Damm 142 als GESOBAU-Verwaltungssitz genutzt. Mit dem Umzug der GESOBAU an einen anderen Standort wurden andere Nutzungsmöglichkeiten für das Haus geprüft, die den Bedarfen im Märkischen Viertel entsprechen. Im Ergebnis sind 53 barrierefreie Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen entstanden, die insbesondere für Seniorinnen und Senioren gedacht sind. Bei den insgesamt 66 neuen Wohnungen wurde aber auch Wohnraum mit drei und vier Zimmern für andere Altersklassen mitgedacht. Im Erdgeschoss wurden fünf Gewerbeeinheiten mitgeplant. In eine der Flächen zieht künftig das GESOBAU-Kundencenter für das Märkische Viertel ein. Im Sinne der Nachhaltigkeit konnte die bestehende Stahlbetonkonstruktion des Gebäudes wiederverwendet werden, statt hier energie- und kostenintensiv neu zu bauen. Für die neuen Grundrisse wurden nach dem notwendigen Rückbau sämtliche Bauteile für Dächer, Fassaden, Fenster, Innenausbau inklusive der Haustechnik mit Installationsschächten neu aufgebaut und angepasst.
Fernmeldeturm Konstanz
Ein weiteres besonderes Projekt ist auch der Umbau eines Fernmeldeturms mit 15 Büroetagen zu 98 Wohnungen in Konstanz.
Über Bauwerk und Umbau
Mit 62 m ist das ehemalige Fernmeldegebäude von Konstanz der zweithöchste Bau der Stadt. Einst kam hier das Postamt unter, später zog die Telekom ein. Architekt des 1971 fertiggestellten Hochhauses war der damalige Oberpostbaudirektor Hans Merkenthaler, der dem Stadtbild damit einen dominanten Baukörper verpasste. Inklusive Funkantenne kommt das Gebäude auf 90 m Höhe.
Seit 2021 wird das Hochhaus umgebaut. Auf den 15 ehemaligen Büroetagen entstehen derzeit 98 hochpreisige Apartments – plus Gewerbeflächen im Erdgeschoss und ein Staffelgeschoss ganz oben, das weiterhin die Telekom nutzt. Bauherrin ist die BPD Bouwfonds Immobilienentwicklung, die 2017 das ehemalige Telekom-Areal erwarb. Den 2019 ausgelobten Wettbewerb gewann das Architekturbüro sauerbruch hutton (gemeinsam mit SINAI). Die Baumaßnahmen im Turm umfassen rund 20.200 m2 Bruttogrundfläche. Auch das rückwärtige Technikgebäude wird die Telekom weiternutzen, durch einen Dachgarten soll es der Öffentlichkeit zugänglich werden. Links und rechts davon sind zwei neue Riegel mit einer Kita und weiteren 135, teils geförderten Wohnungen geplant.
Herausforderungen bei der Transformation
Die besonderen Gegebenheiten des Bestandsgbäudes hinsichtlich Statik, Gefahrstoffe etc. mussten mit den aktuellen Anforderungen bei Wohnungen in Einklang gebracht werden, wie etwa beim Schallschutz und den Sanitärsträngen, ohne den Charakter des Gebäudes zu verlieren. So blieb es etwa bei 1 cm Betonüberdeckung statt der heute üblichen 3 cm . Weil sich die Ein- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen am Stützraster orientieren können, mussten nur sieben Prozent des Stahlbetonskeletts abgerissen werden – in CO2 übersetzt, habe man knapp 2.300 t gespart, sagt Hartmann. Zudem sollte die Erscheinung des Hochhauses erhalten werden, seinen Maßstabssprung aber verträglicher gestaltent sein. Dieser Prämisse folgen sowohl die beiden neuen pavillonartigen Vorbauten Richtung Park als auch die neue Fassade der Längsseiten. Dort stellen sauerbruch hutton sogenannte Screens davor, haushohe Balkonschichten mit verschiebbaren Windschutzgläsern, deren wellenartig geknickten Brüstungen mit ihrer Keramikhaut zwischen Grün- und Blautönen changieren.
Nachhaltigkeitsaspekte
Durch die Umnutzung bleibt die Primärkonstruktion und damit die in den Stahlbeton-Bauteilen enthaltene „Graue Energie“ und kann wiederverwendet werden. Das spart im Vergleich zu einem kompletten Neubau deutlich Ressourcen. Der Wohnturm erhält Photovoltaikanlagen, zudem strebt BPD durch ein Energie-Contracting mit einem Energie-Versorger für das gesamte Quartier einen ressourcenschonenden Betrieb an.
Fazit
Die Umnutzung von Gebäuden ist der Weg hin zu einer zirkulären Denkweise, die Bestand als Ressource begreift und vor allem bei der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum eine wichtige Rolle spielt. Umnutzungsprojekte bringen deutlich erhöhte Arbeitsschutzanforderungen mit sich. Während Neubauten planbar und strukturiert entstehen, sind Umnutzungen geprägt von Ungewissheiten im Bestand, Schadstoffrisiken, komplexer Koordination und temporär veränderten Sicherheitszuständen. Für Bauherren, Planer und ausführende Unternehmen bedeuten frühzeitige Gefährdungsbeurteilungen qualifizierte Fachplanung und konsequente Arbeitsschutzintegration – auch als wirtschaftlichen Faktor.
Fußnoten
- [1]
- www.jll.com/de-de/insights/market-dynamics/germany-office
- [2]
- www.ifo.de/pressemitteilung/2024-09-20/buero-umwandlungen-wegen-homeoffice-koennten-60000-wohnungen-schaffen
Autoren
Ausgabe
BauPortal 2|2026
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