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Luftaufnahme einer Brückenbaustelle mit Baumaschinen und Baumaterial zwischen einem Fluss und angrenzenden Wohngebäuden.
Bild: Patrick Tiede, Züblin Spezialtiefbau GmbH/Gruppe Wasserbau

Wasserbau, Kampfmittel

Wiederaufbau der Schleuse Friedenthal

Die brandenburgische Stadt Oranienburg verwirklicht momentan eins ihrer größten Infrastrukturprojekte: den Wiederaufbau der Schleuse Friedenthal. Die neue Anlage soll bis zum Start der Saison 2027 fertig sein. Dann sind die Oranienburger Havel und der Schlosshafen wieder mit der Mecklenburger Seenplatte auf rund 340 km verbunden. Ein Projekt, das den Wassertourismus im ländlichen nordöstlichen Brandenburg nachhaltig stärken soll.
 

Luftaufnahme einer Brückenbaustelle mit Baumaschinen und Baumaterial zwischen einem Fluss und angrenzenden Wohngebäuden.
Schleusenbaustelle Friedenthal von oben
Bild: Patrick Tiede, Züblin Spezialtiefbau GmbH/Gruppe Wasserbau


Brandenburg gilt mit seinen zahlreichen Seen und Flüssen als eines der attraktivsten Wassersportreviere Deutschlands und profitiert wirtschaftlich davon. Entsprechend investiert das Land in den Erhalt und den Ausbau wasserbaulicher Infrastruktur. Die Schleuse Friedenthal in Oranienburg zählt dabei zu den größten aktuellen Neubauvorhaben.
 

Ausgangslage 

Die ursprüngliche Schleuse wurde 1879 mit einer hydraulisch offenen Sohle errichtet. Holzspundbohlen begrenzten die untere Kammer. Die Schleuse diente seinerzeit nicht nur der Freizeitschifffahrt, sondern vor allem dem Torftransport (Brennstoff) aus dem Rhinluch nach Oranienburg und weiter bis nach Berlin. Im Zuge der Industrialisierung entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Standort der chemischen Industrie und der Rüstungsproduktion. Aufgrund dieser strategischen Bedeutung wurde Oranienburg gegen Ende des Zweiten Weltkriegs massiv bombardiert. Tausende Sprengkörper, allein 21.300 Bomben (12.500 Sprengbomben, 8.800 Brandbomben) gingen über dem Stadtgebiet nieder. Auch die Schleuse Friedenthal wurde zerstört, später stillgelegt und schließlich verfüllt. Über Jahrzehnte endete die Wasserstraße am Stadthafen in einer Sackgasse. 

Die Idee eines Wiederaufbaus bestand bereits seit vielen Jahren. Aufgrund der hohen Kosten war das Vorhaben allerdings von der Stadt allein nicht zu stemmen. Erst durch die finanzielle Unterstützung von Bund und Land konnte das Projekt 2017 gemeinsam mit dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Oder-Havel nach einem umfangreichen ökologischen Gutachten in Angriff genommen werden. In dem Zusammenhang wurde auch ein 16.000 m2 großes Areal nördlich der Schleuse teilweise entsiegelt und ökologisch aufgewertet. Dadurch entstanden neue Lebensräume für Fauna und Flora. 

Technische Lagezeichnung einer Schleusenanlage mit markierten Bereichen für Oberes Vorhafen, Unteres Vorhafen, Bootsschleppe und Radwegbrücke.
Schema des Aufbaus der Schleusenanlage
Bild: Fichtner Water & Transportation GmbH

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Automatischer Schleusenbetrieb 

Die neue Schleuse wird als Kammerschleuse in Spundwandbauweise und geschlossener Sohle errichtet. Mit einer Länge von 41,5 m und einer Breite von 6,0 m verfügt sie über zweiflügelige Stahl-Stemmtore als Schleusentore im Ober- und Unterwasser. Die Hubhöhe beträgt etwa 2,245 m. „Der Schleusenbetrieb funktioniert automatisch in Selbstbedienung und wird vom Oranienburger Schlosshafen aus fernüberwacht“, erläutert Dr. Stefan Gebhard, Leiter des Tiefbauamtes und Projektleiter des Vorhabens. Ergänzt wird die Anlage durch eine neue Radwegbrücke sowie eine Bootsschleppe. Wartestellen entstehen im oberen, am westlichen und im unteren Vorhafen. Sie bestehen aus einer 62,5 m langen Pfahlreihe mit dreireihigen stählernen Längswerken und verfügen über begehbare Plattformen mit Kommunikationstechnik.

Schwimmplattform mit Bagger auf einem Fluss; im Vordergrund sind Teile einer Brückenbaustelle zu sehen.
Nassarbeiten am unteren Vorhafen, das ist einer der drei Vorhäfen, an den Wartestellen entstehen.
Bild: Patrick Tiede, Züblin Spezialtiefbau GmbH/Gruppe Wasserbau

„Das gesamte Projekt dauert einige Jahre länger als ursprünglich gedacht“, kommentiert Stefan Gebhard weiter. Bereits die ersten Untersuchungen zeigten eine erhebliche Belastung des Baugeländes: „Auf dem Gelände lagerten bis in zehn Meter Tiefe zwei Großbomben, 15 Stabbrandbomben, eine Granate, zwei Nahkampfmittel, vier Waffen und mehrere Bombensplitter. Der Rückbau des alten Schleusenbauwerks war daher nur in Verbindung mit einer äußerst aufwendigen Kampfmittelräumung möglich, was uns viel Bauzeit kostete.“

Zwei Personen in hellblauen Hemden stehen auf einer Baustelle und blicken in die Kamera.
Dr. Stefan Gebhard (l.), Amtsleiter Tiefbau und Projektleiter, und Jan Fielitz, Amtsleiter Brandschutz (r.)
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Sichere Bergung der Anomalien 

Für das Sicherheitskonzept zeichnete Jan Fielitz, Leiter des Amtes für Brandschutz, verantwortlich. Gemeinsam mit den brandenburgischen Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD) wurden die Maßnahmen geplant und durchgeführt. Mit von der Partie war auch das UXO-Team von Boskalis Hirdes, das über jahrelange Erfahrungen beim Bergen von Blindgängern in großen Tiefen verfügt. 

Sämtliche Arbeiten wurden nach den Vorgaben der DGUV Information 201-027 „Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung und Festlegung von Schutzmaßnahmen bei der Kampfmittelräumung“ sowie der DGUV Vorschrift 38 „Bauarbeiten“ erledigt.
 

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Bild: SANALRENK / Getty Images

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Ein Mobilkran hebt ein langes Bauteil über einer Baustelle an; zwei Personen in Warnkleidung stehen am Boden.
Eine Splitterschutzwand aus Seecontainern sichert den Gefahrenbereich.
Bild: Patrick Tiede, Züblin Spezialtiefbau GmbH/Gruppe Wasserbau

 

Umfangreiche Schutzmaßnahmen 

Eine Besonderheit stellte die Bodenbeschaffenheit des Areals dar. Wie Jan Fielitz erläutert, schlugen viele der Bomben mit einem parabelförmigen Verlauf in den Untergrund. Dadurch blieben viele Zünder intakt und stellen bis heute eine Gefahr dar. 

Schutzwände aus Seecontainern halfen, Verdachtspunkte, Gebäude und sensible Bereiche gegen Splitterflug und Druckwellen abzuschirmen. Für die Kampfmittelsuche kam das UltraTEM®-Verfahren zur Anwendung. Es kombiniert elektromagnetische Messungen mit einem Drei-Achs-Magnetometersystem. Auf diese Weise lassen sich metallische Objekte in Tiefen von mehr als 14 m orten. Mithilfe rasterförmig angeordneter Bodenaustauschbohrungen ließen sich die Verdachtspunkte schrittweise eingrenzen.
 

Kampfmittelbergung 

Da die Blindgänger etwa zehn Meter unter der Oberfläche vergraben waren, genau zwischen dem Fluss und dem Schleusenort, musste das Grundwasser für die Bergungsarbeiten bis auf rund 20 m abgesenkt werden. Nahezu eine Million Liter Wasser wurden abgepumpt. Um geschützt und im Trockenen arbeiten zu können, legten die Spezialisten temporäre Fangdämme sowie Spundwandkästen an. Über eigens eingerichtete Einstiegsplattformen gelangte dann das Bergungsteam zu den belüfteten Arbeitsbereichen. Mit ständigen CO2-Messungen wurden diese zudem kontinuierlich überwacht.

Drohnenaufnahme einer Baugrube mit rechteckigem Spundwandkasten; mehrere Personen arbeiten entlang des Randes.
Spundwandkästen sichern den Gefahrenbereich.
Bild: Amt für Brandschutz

Der Boden des alten Bauwerks wurde Meter für Meter präzise eingemessen und innerhalb zweier Spundwandkästen (20 m und 25,6 m) vorsichtig abgetragen. Eine zusätzliche Feinortung erfolgte 80 cm vor den vermuteten Objekten mittels Stichsonden. Schließlich konnten die Experten zwei 500-Kilogramm-Großbomben direkt an der Schleuse freilegen. Zwei weitere befanden sich im näheren Umfeld auf anderen Flurstücken. Die Entschärfung übernahmen die Profis des KMBD, EOD & Diving Service. Alle Sprengkörper wurden erfolgreich entschärft und abtransportiert. Allein die gesamte Kampfmittelberäumung dauerte eineinhalb Jahre und kostete rund 14 Mio. €.

Blick in einen mit Stahlträgern ausgesteiften Spundwandkasten auf einer Baustelle; mehrere Personen stehen am Rand der Baugrube.
Gesicherte Arbeitsbereiche im Bereich des Spundwandkastens
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Vorgehensweise bei der Kampfmittelbergung gemäß BFR KMR1 und DGUV Informationen 201-027

    • bei Kampfmittelverdacht Einsatz verschiedener Sondierungsverfahren, die teilweise patentiert und vom KMBD anerkannt und zugelassen sein müssen
    • Markierung von Verdachtspunkten
    • digitale Dokumentation insbesondere bei Bohrlochsondierungen
    • Einsatz von qualifiziertem Personal
    • Einrichtung von Sicherheitsbereichen
    • Vermeidung unnötiger Bodenbewegungen
    • Einsatz geeigneter Messgeräte, Funk- und Kommunikationsmittel
    • Arbeiten möglichst im „Räumpaar“
    • ständige Aufsicht durch eine verantwortliche Person
       
    • schichtweiser Bodenabtrag und möglichst erschütterungsarmes Arbeiten
    • Einsatz speziell geschützter Bagger und Maschinen
    • fortlaufende Kontrolle durch den Befähigungsscheininhaber
    • Sicherheitsabstände einhalten und bei unklaren Befunden Arbeiten unterbrechen
    • Anzahl gleichzeitig gefährdeter Personen begrenzen
    • Festlegung von Flucht- und Rettungswegen
       
    • fachkundige Personen einsetzen
    • Bewertung von Zünderlage, Korrosionszustand und möglicher Empfindlichkeit
    • Entscheidung über Bergung oder Vernichtung vor Ort
    • Dokumentation aller Befunde
    • Aufenthalt möglichst außerhalb des Gefahrenbereichs und Minimierung direkter Manipulationen
    • Stand der Technik definieren
       
    • schonendes Herausheben mit geeigneten Hebe- und Transportmitteln
    • Transport nur innerhalb der Räumstelle und Lagerung in Tagesbereitstellungslagern
    • Übergabe an den zuständigen Kampfmittelbeseitigungsdienst
    • möglichst wenige Personen im Gefahrenbereich; Absperrung und Überwachung
    • geeignete Behälter und Transportwege
    • organisatorische Notfallmaßnahmen
       
  • Für Sprengarbeiten gelten zusätzlich die Vorschriften des Sprengstoffgesetzes und spezielle DGUV-Regeln.

Typische Schutzmaßnahmen

  • Evakuierung und Absperrung
  • Festlegung von Sperr- und Sicherheitsbereichen
  • Warnsysteme und Kommunikationswege
  • Schutz gegen Druckwellen und Splitterflug
  • Durchführung nur von sprengberechtigten Personen
Eine Person schweißt an einem Spundwandkasten in einer Baugrube.
Schweißarbeiten beim Verbund der Spundbohlen
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Neubau bis Ende des Jahres 

Der Teilrückbau der alten Schleuse (Baulos 1) konnte bis Ende 2023 abgeschlossen werden. Nach bestätigter Kampfmittelfreiheit und den fertigen Flächen der Nassbaggerarbeiten begann dann der Neubau des Bauwerks im Herbst 2025. Bauleiter Patrick Tiede der ARGE Züblin Spezialtiefbau GmbH und der OST BAU Osterburger Straßen-, Tief- und Hochbau GmbH begleitet das Projekt seit Beginn des Teilrückbaus. Für den 33-jährigen Wasserbauingenieur stellt der Schleusenneubau eine neue Herausforderung seiner beruflichen Laufbahn dar. „Wir befinden uns derzeit in den Baulosen zwei und drei. Mittlerweile sind die Umschließungen der Baugruben für die Schleuse sowie die Spundwände der Vorhäfen hergestellt. Jede Spundwand wurde mithilfe einer Spundwandpresse erschütterungsfrei in den Baugrund eingebracht. Auch die drei Meter mächtigen Unterwasserbetonsohlen im Ober- und Unterhaupt liegen fertig. Zur Sicherheit sind in einigen Bauwerksbereichen Dauer-Verpressanker gesetzt.“

Blick in einen mit Stahlrohren ausgesteiften Spundwandkasten; am Boden der Baugrube steht Wasser.
Fertige Unterwasserbetonsohle im Unterhaupt und Lenzen der Baugrube
Bild: Patrick Tiede, Züblin Spezialtiefbau GmbH/Gruppe Wasserbau

Momentan wird die Baugrube für die Schleusenkammer vorbereitet, wie Patrick Tiede weiter informiert. Spezialtiefbau- und Wasserbauarbeiten übernimmt dabei hauptsächlich Züblin, Stahlbetonarbeiten die OST BAU. Weiterhin folgen noch Arbeiten zum Schiffbarmachen und Ausbau der unteren Oranienburger Havel. „Unser Ziel ist es, Ende dieses Jahres die Schleuse bauseitig zu beenden.“

Eine Person mit Schutzhelm und orangefarbener Warnweste steht auf einer Baustelle und blickt in die Kamera.
Bauleiter Patrick Tiede von Züblin Spezialtiefbau GmbH, Gruppe Wasserbau, begleitet das Projekt seit dem Teilrückbau der alten Schleuse.
Bild: Bärbel Rechenbach

Baudaten


Bauträger:
Stadt Oranienburg


Projektsteuerung:
Flottwasser Kurth & Domanja GmbH


Ausführungsplanung und Bauüberwachung:
Fichtner Water & Transportation GmbH


Bauausführung:
Arge Züblin Spezialtiefbau GmbH/OST BAU Osterburger Straßen-, Tief- und Hochbau GmbH


Kampfmittelbergung:
Boskalis Hirdes Kampfmittelräumung GmbH, EOD & Diving Service Lars Hinderlich


Kosten:
ca. 33,7 Mio. €
 

Fußnoten
1
Baufachliche Richtlinien Kampfmittelräumung (BFR KMR)
Autorin

Bärbel Rechenbach

Freie Baufachjournalistin

Ausgabe

BauPortal 3|2026