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Panoramaansicht der Rummelsburger Sicht, im Vordergrund ist eine Abgrenzung im Wasser zu sehen.
Panoramaansicht der Rummelsburger Sicht, im Vordergrund ist eine Abgrenzung im Wasser zu sehen. | Bild: Bärbel Rechenbach

Kontaminierte Bereiche

Sanierung der Rummelsburger Bucht

Der Rummelsburger See gilt als einer der größten und herrlichsten Naherholungsflecken inmitten Berlins. Doch leider ist dieses Feeling seit Jahren getrübt. Denn Schadstoffe einstiger Chemiebetriebe auf der benachbarten Halbinsel Stralau, Glasindustrie, Brauerei und Schifffahrt belasten zunehmend das Gewässer. Der Berliner Senat versucht seit Jahren zu retten, was zu retten ist, und nimmt seit 1999 für die Sanierung immer wieder viele Millionen Euro in die Hand.

Europas größtes Obdachlosencamp in der Rummelsburger Bucht ist weitergezogen. Stattdessen stehen und entstehen hier rundum exklusive Luxuswohnungen und Büros mit Seeblick. Der bleibt allerdings noch über Jahre getrübt, denn 3,6 ha des Gewässers auf der Westseite sind gesperrt und Sanierungsgebiet.

 

Blick von oben auf den teilweise abgesperrten Uferbereich
Sicherung des abgesperrten Bereichs
Bild: Berliner Senat

 

Bereits ab 1999 wurden hier 5.200 kg Kampfmittel geborgen und 70.000 m3 Schlamm entsorgt, um den Eingangsbereich der angrenzenden Spree mit aufgewirbelten Schwebstoffen zu verschonen. Dabei half eine 250 m lange Spundwand, die mit einer 18 m breiten Öffnung den Schiffsverkehr über die Jahre aufrechterhielt.

 

Panoramaansicht der Rummelsburger Sicht, im Vordergrund ist eine Abgrenzung im Wasser zu sehen.
Die Rummelsburger Bucht vor dem Start der Sanierung
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Studie offenbart Handlungsbedarf

2017 wies eine Studie der Freien Universität nach, dass trotz aller Maßnahmen weiterhin großer Handlungsbedarf besteht. Natur vergisst bekanntlich nicht. Messungen ergaben, dass die oberen Meter der Sedimentschicht in der Bucht vor allem stark mit Cadmium, Chrom, Blei, Quecksilber, PAK (polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen) und Mineralkohlenwasserstoffen kontaminiert sind. Daher wurde die weitere tiefgreifende Sanierung über die kommenden Jahre beschlossen.

 

Testfelder und Stahlspundwand vor Sanierung

Im Jahr 2018 wurden vorbereitend für die Sanierung des Westufers drei 20 × 20 m große Testfelder angelegt. Hier wurden Aushubtechnologien, Abdeckkonfigurationen, Immissionsüberwachungen (insbesondere Gas und Geruchsentwicklungen) und Entsorgungswege erprobt. Weiterhin fanden in der rund 3,4 ha großen Fläche rund 100 Bohrungen statt, um ein genaues Schadensbild zu identifizieren. Für das Sichern des Ufergeländes wurde eine 275 m lange und 11 bis 17 m tiefe, teils rückverankerte Stahlspundwand in direkter Uferlinie gesetzt. Dafür mussten auch einige Bäume weichen.

 

Blick auf den absperrten Testbereich.
Seit Mitte Juni 2022 sind die Versuche im abgesperrten Testbereich beendet.
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Besonderheiten bei Sanierungsprojekten im Wasserbau

Seit fast vier Jahren leitet Daniel Persicke das Projekt seitens des Senats und fühlt sich dabei – so engagiert wie er berichtet – spürbar in seinem Element. Für den 30-jährigen Bauingenieur ist es eine der ersten großen Aufgaben nach dem Studium an der BHT Berlin und genau das, was er immer wollte: „Im Wasserbau arbeiten. Mein Vater ist wasseraffin. Ich bin es von Kindheit an auch. Schon im Studium war ich in das Rummelsburger Projekt mit einbezogen und arbeitete u. a. an Ausschreibungen beim Senat mit. Ich habe mich so ins Projekt eingefuchst und wollte nach dem Master unbedingt mehr Verantwortung dafür übernehmen. Die erhielt ich.“ Als Projektleiter organisiert er vor allem das Erkunden des Baugrunds, die Sicherungs- und Naturschutzmaßnahmen im Uferbereich, den Immissionsschutz an den Testfeldern oder die Auswertung der zahlreichen Testergebnisse. Immerhin müssen künftig etwa 100.000 m3 belastetes Sediment entsorgt und dann wieder so abgedeckt werden, dass an anderer Stelle nichts wieder austritt.

 

Abgesteckte 20 x 20 m große Testfelder im Wasser in Ufernähe.
In Testfeldern wurde nach der besten Variante des Sedimentaustauschs gesucht.
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Filterdecke aus Blähtonkugeln zum Abdecken

Damit kein kontaminiertes Material austritt, wurden verschiedene tragfähige Abdeckkonfigurationen erprobt – u. a. eine Filterdecke aus Blähtonkugeln. Die wurde mit Sand so beschwert, dass sie sich wie eine Matte auf den Seegrund legte. Diese Abdeckung ist wasserdurchlässig und aufgrund der geringeren Dichte leichter und somit besser geeignet für den verbleibenden weichen Untergrund. „Die porösen Blähtonkugeln erwiesen sich jedoch aufgrund ihrer abfallrechtlichen Einstufung für den Einbau in Gewässer als ungeeignet. In einem anderen Feld erprobten wir ein Sand-Kies-Gemisch, das wahrscheinlich zum Einsatz kommt, weil es wirtschaftlich und baupraktisch gut umsetzbar ist“, informiert Daniel Persicke weiter.

 

Porträt Daniel Persicke mit Bauhelm
Projektleiter seitens des Senats: Daniel Persicke
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Ablauf der Sanierungsarbeiten

Alle Vorbereitungen für die Sanierung sind seit Mitte Juni 2022 abgeschlossen. Mit Jahresbeginn 2024 soll der Bodenaustausch über 60 Meter Breite starten, wobei die Tiefe von der jeweiligen Schadstoffbelastung abhängt und dementsprechend angepasst wird. Je weiter es in den See hineingeht, desto weniger ist der Boden belastet – ein Grund, warum die Sanierung am Westufer einsetzt.

Dafür wird, so ist es bisher vorgesehen, eine Art Wabenfläche hergestellt, die im Verbund einen tragfähigen Körper erzeugt. Der wiederum soll dann die Stützwirkung einer Spundwand übernehmen. Berechnungen ergaben, dass dieses Verfahren gut möglich ist. In den einzelnen Waben wird dann jeweils der belastete Boden entnommen, fachgerecht entsorgt und durch unbelastetes Material ersetzt.

 

Für Arbeiten in kontaminierten Bereichen gilt die DGUV Regel 101-004 „Kontaminierte Bereiche“ bzw. die TRGS 524 „Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten in kontaminierten Bereichen“.

 

Blick vom Wasser aus auf den abgesperrten Uferbereich.
Sicherung der Böschung im Uferbereich
Bild: Bärbel Rechenbach
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Blick vom Wasser aus auf den abgesperrten Uferbereich.
Sicherung der Böschung im Uferbereich
Bild: Bärbel Rechenbach
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Abschließend erhält der Seegrund eine mineralische Abdeckung. Im Uferbereich werden nach Maßgabe der Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg Bäume, Hecken und Röhricht gepflanzt zugunsten hier beheimateter Tierwelt, die sich übrigens von den Bauarbeiten sichtlich nicht stören lässt, sehr aktiv und neugierig ist.

Wie schnell das Gesamtvorhaben erledigt sein wird, hängt von der Finanzierung ab. „Der Senat muss aktuell ohne Förderung auskommen“, berichtet der Projektleiter. „Wie schnell wir sein können, bestimmt die wirtschaftliche Situation des Senats. Angesichts der gegenwärtigen Baustofflage und Verteuerung muss der genau abwägen, was zeitlich jeweils umsetzbar ist. Geplant ist, 2027/28 fertig zu sein, damit hier wieder uneingeschränkte Naherholung am Ufer möglich ist.“

 

Schutzmaßnahmen

Baustelleneinrichtung

  • Einteilung der Baustelle in Schwarz- und Weißbereiche,
  • Einzäunen von Baustelle und Schwarzbereichen und Absichern gegen unbefugtes Betreten.

Einrichten von Dekontaminationseinrichtungen

  • Schwarz-Weiß-Anlage,
  • Waschanlagen für Stiefel, Reifen, Fahrzeuge,
  • Lagerraum für kontaminierte Geräte etc. innerhalb des Schwarzbereichs vorsehen,
  • Kommunikation zwischen Schwarz- und Weißbereich gewährleisten,
  • Sozialräume, Unterkünfte usw. nur im Weißbereich einrichten.

Weitere Schutzmaßnahmen

  • Tragen von PSA,
  • Wahl emissionsarmer Verfahren, Messkonzepte,
  • Belüften des Arbeitsbereichs oder Einsetzen von Fahrzeugen und Erdbaumaschinen mit Anlagen zur Atemluftversorgung,
  • Festlegen von Tragezeiten und tragefreie Zeiten beim Tragen der Schutzkleidung und des Atemschutzes,
  • Unterweisungen gemäß DGUV Regel 112-19,
  • Vermeidung von Alleinarbeit,
  • Gewährleistung von Erster Hilfe,
  • schriftliches Informieren der Zuständigen spätestens vier Wochen vor Beginn der Arbeiten

Sicherheit und Akzeptanz in allen Belangen

Dann ist der junge Projektleiter garantiert um viele Erfahrungen reicher. „Mich hat anfangs schon überrascht, wie viele rechtliche Gutachten zum Natur- und Artenschutz im Vorfeld gefordert waren, ehe wir beginnen konnten. Auch was die Sicherheitsmaßnahmen für einen reibungslosen Ablauf der Bauarbeiten in diesem kontaminierten Bereich angeht. Sowohl ausführende Firmen als auch Anwohner, Passanten und nahen Schiffsverkehr betreffend.“

Im Bereich des Uferwegs sichern Bauzäune und Schutzplanen vor Unfällen. Beim Setzen der Spundwand entstand zusätzlich ein schützender Personentunnel, da der Weg stark von Passanten frequentiert wird. Derzeit trennt auch eine Ölsperre das Baufeld vom restlichen See, um dort jegliche Verschmutzung des Gewässers zu vermeiden. „Bei all den bisherigen Schritten hat sich bewährt, dass wir mit Bewohnern und Akteuren ringsum in engem Kontakt stehen, um anstehende Fragen sofort zu klären, Bedenken zu nehmen, Akzeptanz zu gewinnen und gemeinsam Lösungen zu finden. Dafür haben wir uns eigens Mediatoren an die Seite geholt, die den aktiven Bürgerdialog organisieren, auch online.“

 

Was ist bei Arbeiten in kontaminierten Bereichen zu beachten?

Verhalten beim Treffen auf unbekannte Kontaminierungen

  • Arbeiten sofort einstellen,
  • Gefahrenbereich verlassen und sichern, ggf. Abdecken der kontaminierten Bereiche,
  • Aufsichtsführenden verständigen,
  • Auftraggeber und zuständige Berufsgenossenschaft informieren,
  • Arbeiten erst wieder aufnehmen, wenn der Bauherr diese bestätigt hat.
Ein Zaun sperrt einen Weg ab. Hinter dem Zaun ist ein Bauschild.
Ein Bauzaun sichert den Uferweg ab.
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Das Ganze reichte sogar so weit, dass die grauen Schutzplanen am Bauzaun in einer Aktion mit Kindern und Jugendlichen bemalt und besprüht wurden, weil Anwohner meinten, die Planen verschandeln den Grünblick. Das sah danach alles sehr schön aus und kam bei allen gut an. Allerdings hielt die Freude darüber nur kurz, denn die Planen wurden wenige Tage später gestohlen.

 

Kinder und Erwachsene vor einer Malwand.
Malaktion für buntere Bauplanen am Uferstreifen
Bild: Bärbel Rechenbach

 

Schutz bei den Arbeiten im kontaminierten Bereich

Um alle möglichen Gefahren für die jeweiligen Bauteams auszuschließen, werden sie vor Arbeitsbeginn maßnahmenbezogen genau unterwiesen. Es gilt ein Arbeitssicherheitsplan, der sowohl das direkte Arbeiten auf dem Wasser betrifft als auch den direkten Umgang mit Gefahrenstoffen. „Es kommen nur Firmen zum Einsatz, die im Bereich Kontaminierung versiert sind. Darauf haben wir in den Ausschreibungen besonders geachtet. Auch was die Ingenieurbüros und Labore angeht. So sind die Labore nach DIN EN ISO/IEC 17025 durch die Deutsche Akkreditierungsstelle GmbH DAkkS akkreditiert. Außerdem arbeiten wir eng mit dem SiGeKo zusammen, der regelmäßig kontrolliert, ob auf der Baustelle alles seine Ordnung hat“, versichert Daniel Persicke.

Für die kommenden Sanierungen wird u. a. ein spezielles Emissionsschutzkonzept mit erweiterten Gasmessungen erarbeitet. Der künftige Sedimentaustausch im kontaminierten Bereich findet mit erforderlicher Schutzkleidung und einer Schleuse vom Weiß- zum Schwarzbereich statt.

 

Ausblick

Wer die Rummelsburger Bucht derzeit aufsucht, ahnt von diesem Sanierungsaufwand – der bislang nur sieben Prozent der gesamten Fläche betrifft – kaum etwas. Dafür allerdings lässt sich das Baugeschehen von allen Seiten aus hautnah verfolgen, sei es von den Haus- und Segelbooten wenige Meter hinter dem abgesperrten Bereich, von den Balkonen der Gebäude oder den vielen Sitzbänken im angrenzenden Uferbereich. Die Rummelsburger Bucht bleibt dank der vielen Sicherheitsmaßnahmen ein großer Flecken auf und um den insgesamt 40 ha großen See, der nach wie vor für aktive Naherholung ohne Gefahr genutzt und werden kann und wird.
 

Sanierung der Rummelsburger Bucht

© BG BAU

Aufgaben von Bauherrinnen und Bauherren bei Arbeiten in kontaminierten Bereichen

  • Erstellen eines Arbeits- und Sicherheitsplans (A+S-Plan) durch Sachkundigen nach DGUV,
  • Angaben zu Art und Konzentration der Gefahr- bzw. biologischen Arbeitsstoffe,
  • Ermittlung der zu erwartenden Gefahren und auszuführenden Tätigkeiten
  • Beurteilen der Gefährdung,
  • Beschreiben geeigneter Schutzmaßnahmen; bei hoher Gefährdung A+S-Plan mit Fach- und Aufsichtsbehörden abstimmen,
  • Ausschreibung lt. A+S-Plan.
  • Sind Beschäftigte mehrerer Unternehmen im kontaminierten Bereich tätig, gilt die DGUV Regel 101-004 „Kontaminierte Bereiche“ und sachkundige Koordinatorinnen und Koordinatoren müssen bestellt werden,
  • koordinierende Person mit Weisungsbefugnis gegenüber allen Beschäftigten ausstatten.
Autorin

Bärbel Rechenbach

Freie Baufachjournalistin


Ausgabe

BauPortal 3|2022