Bauen im Bestand; Sanierung
Neue Nutzung einer Industriebrache
Auch wenn die Stadt Nauen mit 20.000 Einwohnern zu den kleineren im Berliner Umland zählt, wächst ihre Einwohnerzahl kontinuierlich – und damit auch der Bedarf an Wohnraum. Im Rahmen des Projekts „Leuchtgaswerk N°1“ hat hier die terraplan Baudenkmalsanierungsgesellschaft mbH auf einem ehemaligen Gaswerksgelände ein neues Wohnquartier geschaffen. Die Umwandlung des historischen Industrieareals in ein modernes städtebauliches Ensemble war mit einer anspruchsvollen Sanierung verbunden.
Das Projekt „Leuchtgaswerk N°1“ an der Graf-Arco-Straße ist nicht nur eine Hommage an technische Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, sondern zeigt auch, welches Potenzial in der Umnutzung historischer Industriegebäude steckt. Moderne Mehrfamilienhäuser stehen hier harmonisch neben sorgfältig restaurierten Klinkerbauten. Dazwischen liegen kleine Gassen und begrünte Höfe. Besonders ins Auge fällt der Wohnturm, der auf dem denkmalgeschützten Sockel des ehemaligen Gasometers thront. Auch die Lage ist attraktiv: Der Bahnhof liegt nur wenige Schritte entfernt und das Nauener Stadtzentrum ist ebenfalls durch die Eisenbahnbrücke schnell erreichbar.
Über das Gaswerk Nauen
Das Gaswerk Nauen aus dem Jahr 1865 produzierte bis 1950 Leuchtgas und sorgte für Licht in der Stadt, die auch den Namen „Funkstadt“ trägt. Denn bereits 1906 ging hier die weltweit erste Großfunkstelle der Firma Telefunken in Betrieb. Nachdem Nauen 1950 an die Ferngasleitung angeschlossen und der Produktionsstandort nicht mehr gebraucht wurde, zog ein Saatgutbetrieb auf das Gaswerkareal. Im Jahr 1990 wurde auch dieser stillgelegt. Die Anlagen waren danach dem Zerfall preisgegeben. Erst 2020 rückte das Industriedenkmal mit dem Umbau wieder in den Fokus der Stadt.
Ziel: Erhalt der Industriearchitektur
Heute ist kaum noch vorstellbar, wie das Gelände noch vor wenigen Jahren aussah. Die Anlagen des ehemaligen Gaswerks verfielen zusehends. Vandalismus und Wildwuchs prägten das Bild. Die sanierungsbedürftigen Klinkerfassaden schienen dem Abriss geweiht. Glücklicherweise plädierte der Denkmalschutz für den Erhalt der verbliebenen Industriearchitektur. Die Stadt entschloss sich schließlich zum Verkauf des Geländes und suchte Investoren mit einem tragfähigen Nutzungskonzept.
2018 erwarb terraplan das rund 12.000 m² große Areal. Das Nürnberger Familienunternehmen verfügt über umfangreiche Erfahrung im Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz – u. a. durch die Sanierung und Umnutzung der Mälzerei in Berlin-Pankow sowie die Sanierung und Umgestaltung des nahegelegenen Olympischen Dorfes in Elstal. „Die intensive Auseinandersetzung mit dem Denkmal, seiner Architektur und seiner Geschichte sowie mit seinem städtebaulichen Umfeld bildeten die Grundlage unserer Sanierungsplanung“, erklärt der kaufmännische Leiter Jan Hannes Müller.
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Gemeinsam mit dem Architekturbüro KMH Architekten um Klaus Meier-Hartmann und den Tragwerksplanern der 2B Planungsgesellschaft mbH entwickelte terraplan ein Nutzungskonzept, das Wohnungen für unterschiedliche Generationen sowie ergänzende Gewerbeflächen umfasst. Die Planungen basierten auf umfangreichen bauhistorischen Gutachten sowie Gebäude- und Bodenanalysen. Tragwerke wurden auf Schäden und Tragfähigkeit untersucht, zudem entstand mithilfe von Lasertechnik ein präzises dreidimensionales Aufmaß der Bestandsgebäude.
Gebäudeschadstoffe und Altlasten
Schnell zeigte sich jedoch, dass die Belastungen durch Altlasten und Gebäudeschadstoffe deutlich umfangreicher waren als zunächst angenommen. So mussten im Apparatehaus und im Heizhaus bleihaltige Farbanstriche von den historisch wertvollen Stahlträgern (Wiegmann-Polonceauträger) im sogenannten Unterdruckverfahren entfernt werden. Hierfür war ein erheblicher logistischer Aufwand erforderlich: Im Apparatehaus musste hierzu das Dachtragwerk vollständig eingehaust werden. Im Heizhaus wurden die größeren Dachträger zunächst ausgebaut, auf der Baustellenfläche eingehaust und anschließend bearbeitet und wieder eingebaut.
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Hinzu kamen typische Altlasten eines ehemaligen Gaswerks. Besonders problematisch sind solche Standorte wegen ihrer komplexen Mischung aus Schadstoffen, darunter Teerablagerungen.
Tatsächlich entdeckten die Bauleute unter einer bereits bekannten Teergrube noch eine zweite. Diese wurde in den 1970er-Jahren überbaut und offenbarte sich daher erst nach Abbruch des Bestandsgebäudes. Der kontaminierte Gaswerksteer gilt in Deutschland als gefährlicher Abfall und musste daher von einem zugelassenen Entsorgungsfachbetrieb nach der AVV (Abfallverzeichnis-Verordnung) auf einer genehmigten Deponie entsorgt werden. Darüber hinaus war der gesamte Baugrund mit Arsen und weiteren Schadstoffen belastet, sodass die Baustelle im ersten Jahr als Schwarz-Weiß-Bereich galt.
Vor und über die gesamte Bauzeit hinweg begleiteten Experten der Spiekermann Ingenieure GmbH das Projekt, erstellten für Um- und Rückbauten ein Schadstoffkataster sowie eine Nachweisführung (ZEDAL) und dokumentierten sämtliche Arbeitsschritte.
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Der Wohnturm auf dem Gasometer-Sockel
Eine besondere Herausforderung unter den neuen Gebäuden stellte der Wohnturm auf dem historischen und unter Denkmalschutz stehenden Gasometer-Sockel dar. Der sechsgeschossige Baukörper mit einem Durchmesser von rund 17 m, einer Höhe von etwa 18 m und einer Fläche von ca. 1.300 m² erwächst aus dem Bestandssockel.
Herausforderung zylindrische Form
Der Bau sollte sich laut Denkmalbehörde durch eine zylindrische Form der ursprünglichen Form des Gasometers angleichen. Rund zu bauen ist jedoch deutlich komplexer als ein klassischer rechteckiger Baukörper. Hinzu kam, dass die stark beschädigten Grundmauern des ehemaligen Gasometers u. a. durch eine Gasexplosion in der Vergangenheit, statisch nicht mehr funktionierten. Aus diesem Grund kam eine autarke Tragwerkslösung zum Einsatz. Diese entwickelt sich aus dem Inneren des Sockelbauwerks und trägt mittels einer auskragenden Decke über dem ersten Obergeschoss die Last der darüberliegenden Geschosse.
Die Fassade des Gasometers besteht aus 27 polygonal angeordneten 14 cm dicken Betonfertigteilen, die zusammen wieder die charakteristische runde Form des Gasometers ergeben. Viele der Bauteile wie die Fassadendämmung, Verblechungen und Abdichtungen mussten penibel genau geplant und angefertigt werden. Auch das Herstellen der Gesimsbänder setzte individuelle Sonderanfertigungen aus Beton voraus. Integrierte Isokörbe – tragende Wärmedämmelemente – verhindern an den auskragenden Bauteilen Wärmebrücken.
Die Produktion der filigranen, polygonalen Wandfertigteile sowie deren präzise Montage und Vermessung stellten ebenso wie die anschließende Bauausführung hohe Ansprüche an die beauftragte Rohbaufirma, berichtet Jan Hannes Müller. Der Aufwand hat sich jedoch gelohnt: Durch seine markante Form wirkt der Gasometer bereits vom Bahnhof aus als Blickfang und lenkt auch Besucher gezielt in das neue Quartier.
Moderne Technik hinter historischen Fassaden
Insgesamt wurden 141 Wohnungen sowie vier Gewerbeeinheiten geschaffen. Bei der Ausstattung setzte der Bauherr konsequent auf hochwertige Materialien: Holzfenster mit Dreifachverglasung, erhöhter Schallschutz sowie Eichenparkett gehören zur Standardausstattung. Auch energetisch ist das Quartier zukunftsorientiert ausgelegt. Ein Blockheizkraftwerk, das mit Biogas betrieben wird, versorgt die Gebäude zentral mit Wärme und Warmwasser. Moderne Lüftungssysteme und Beleuchtung, Retentionsdächer und ein durchdachtes Regenwassermanagement ergänzen das Konzept. An die Nistplätze der Vögel in einer aufgesetzten Dachhaube des Ofenhauses ist ebenfalls gedacht worden.
Trotz der neuen Nutzung bleibt die Geschichte des Ortes auch in den Innenräumen bewusst sichtbar. Großformatige Fotografien in den Treppenfluren erinnern an das frühere Gaswerk, Wandbilder greifen die industrielle Vergangenheit ebenfalls gestalterisch auf. So entstand insgesamt ein Ensemble, das historische Bausubstanz und moderne Architektur miteinander verbindet. „Ich freue mich über die gelungene Transformation eines ehemaligen Industrieareals zu einem lebendigen Quartier, das zugleich seine Tradition bewahrt hat“., fasst Jan Hannes Müller zusammen. Mit viel Sorgfalt gelang es, das ehemalige Gaswerksgelände binnen kurzer Bauzeit in einen modernen Wohnraum zu verwandeln – und zu einem neuen Stück Stadt Nauen.
Baudaten
Bauherr:
terraplan Baudenkmalsanierungsgesellschaft mbH, Nürnberg
Architekten und Fachplaner:
Meier-Hartmann Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin & 2B Planungsgesellschaft mbH, Berlin
Haustechnik:
ZbP Zimmermann und Becker GmbH, Leipzig
Tragwerk:
2B Planungsgesellschaft mbH, Berlin
Begleitung Altlasten, Gebäudeschadstoffe:
Spiekermann Ingenieure GmbH, Berlin
Autorin
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