Absturzsicherheit
Rückblick auf den 9. Deutschen Fachkongress für Absturzsicherheit
Das jährliche Symposium vereinte Fachleute aus der Praxis, dem Arbeitsschutz und von Herstellern mit dem gemeinsamen Ziel, Höhenarbeit sicher zu gestalten. Denn Ab- und Durchstürze bilden weiterhin die Hauptursache für tödliche Arbeitsunfälle in der Baubranche.
Im Herzen Berlins fand Ende November 2025 die neunte Auflage des Fachkongresses für Absturzsicherheit statt. Mit fast 200 Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern konnte der veranstaltende Bauverlag einen neuen Besucherrekord verbuchen. Thematisch stand der Kongress im Zeichen der Seilzugangstechnik. Mehrere Vorträge beleuchteten das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln: Angefangen mit der historischen Entwicklung über den Stand der Technik bis hin zu Anwendungsfällen und einer arbeitsschutzrechtlichen Einordnung.
Prof. Einhaus (BG BAU Prävention) erläutert Ursachen von Absturzunfällen und dem Baugeschehen.
Zahl der Ab- und Durchsturzunfälle unvermindert hoch
Das Thema kam nicht von ungefähr. Alle Kongress-Teilnehmenden beschäftigte die ungemindert hohe Anzahl von Ab- und Durchsturzunfällen. Dr.-Ing. Marco Einhaus, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Prävention der BG BAU, bezog Stellung zu den Unfallstatistiken, die bis zum Veranstaltungszeitpunkt Ende November 2025 für das laufende Jahr 26 Tote in Folge von Ab- und Durchstürzen auswiesen. Das seien nicht bloße Zahlen, jeder einzelne Fall werde von der BG BAU ausgiebig ausgewertet. Das eröffne auch den Blick auf die Schicksale, die dahinterstünden, betonte Marco Einhaus. Die Hintergründe zeigten, dass trotz intensiver Präventionsbemühungen mehrere Faktoren zu einem andauernd hohen Unfallaufkommen beitrügen. Umso bedeutender seien Veranstaltungen wie der Fachkongress, um gemeinsam mit Akteuren aus der Praxis und von Herstellerseite nach Lösungen für die immer wiederkehrenden Sicherheitslücken zu suchen.
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Photovoltaik-Wachstum und zunehmende Dachnutzung
Einer der Faktoren für die andauernd hohe Unfallquote seien die rasant steigenden Installationen von PV-Anlagen auf Dachflächen aller Art und die Nutzung von Flachdächern für Gebäudetechnik insgesamt. Die hohe Nachfrage und Preiskampf führten zu Nachlässigkeiten beim Absturzschutz, oft fehle das Know-how. Darüber waren sich die Fachleute einig. Auch die später notwendigen Wartungswege für die Anlagen würden nicht mitgeplant. Eben dieses Problem zu lösen, mahnte Bernd Lausch an. Als Leiter Gebäudetechnik bei Dussmann plant er Tag für Tag die Einsätze seiner Technik-Teams auf den Dächern der Kunden. Dafür müsse er sich permanent etwas einfallen lassen, damit die Beschäftigten sicher an Absturzkanten arbeiten können und nicht durch ungesicherte Dachlichter stürzen. Als langjährige Fachkraft für Arbeitssicherheit erkennt er Gefährdungslagen an den Arbeitsplätzen bei der Auftragsplanung auf den ersten Blick. Lausch stellte in seinem Vortrag Beispiele und gute Lösungen gegenüber und zeigte auf, worauf Bauherren und Planer von vorneherein achten sollten, wenn sie ihre Dachflächen technisch nutzen möchten.
Mit fast 200 Teilnehmenden verbuchte der 9. Fachkongress für Absturzsicherheit einen neuen Besucherrekord.
Tech-Support für den Absturzschutz
Die neuen Basistechnologien Digitalisierung, Robotik und KI und ihr Nutzen zur Vermeidung von Absturzunfällen waren Thema einiger Vorträge beim Fachkongress. Mit der Fassadenreinigung per Drohne, robotergestütztem Gerüstbau und KI-gestützter Planung wurden einige konkrete Anwendungsbeispiele vorgestellt. Sie alle zielen darauf ab, die Aufenthaltszeiten in der Höhe zu verringern. Eine echte Neuerung präsentierte Aithon Robotics aus der Schweiz, vertreten von Friederike Biffar. Sie stellte ein Drohnen-System vor, das mit verschiedenen Werkzeugen bestückt werden kann und Arbeiten an Orten durchführt, die für Menschen nur mit hohem Aufwand erreichbar und dann unter erhöhter Absturzgefahr zugänglich sind. Bohrungen, Beschichtungen, kleinere Installationen und Materialscans kann die Drohne bereits bewältigen. Das eidgenössische Start-up entwickelt bereits weitere Anwendungen.
Vorführung von Seilzugangstechnik an der Innenfassade des Axel-Springer Neubaus.
Abstecher ins Axel-Springer-Haus
Wie die Seilzugangstechnik praktisch eingesetzt wird, konnten die Kongressgäste während der Pausen beobachten. Das Glasdach über dem Foyer des Tagungshotels wird von einem begrünten Turm getragen, dem „Living Tree“. Schwebende Gartenprofis halten seinen grünen Saum regelmäßig in Form. Dafür bewegen sie sich mit Seilen gesichert an der bepflanzten Holzverkleidung des Turms entlang.
Wie sichere Seilzugangssysteme bereits in die Planung integriert werden können, präsentierte der Abschluss des ersten Kongresstages bei einer Exkursion zum Axel-Springer-Neubau. Im spektakulären gläsernen Atrium des Gebäudes erfolgen rund 80 % der Fassadenarbeiten seilgestützt, auf Basis von etwa 1.500 verdeckt eingebauten Anschlagpunkten und Schienensystemen. Zweier-Teams sichern sich für Reinigungs- und Wartungsarbeiten an der Glasfassade in zwei Seile, steuern sie per Winde und Akkuschrauber, grundsätzlich im Vier-Augen-Prinzip – ein Beispiel dafür, wie bauliche Vorbereitung und organisatorische Maßnahmen zusammenwirken.
Kein Programmpunkt, aber ein passgenauer Zufall: Pflanzenpflege mit Seilzugangstechnik im Foyer des Konferenzhotels in Berlin.
Anschlagpunkte und Lifeline-Systeme
Am Folgetag ging Thomas Reykers von ABS Safety genauer auf Normen und die bautechnische Einordnung von festen Anschlagpunkten ein. Diese seien nun nicht mehr als persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) zu betrachten, sondern als Bauprodukt. Das gilt für Anschlageinrichtungen des Typs A „Fest verbunden“ sowie für Seil- und für Schienensysteme. Zu dieser Einordnung wird gegenwärtig eine neue Norm entwickelt, die Vorgaben für Montage und Wartung definiert. Lifeline-Systeme bleiben dagegen weiter klassische PSAgA, betonten Jörg Scheilen (SpanSet) sowie Werner Portugal (BG BAU) in ihren Blitzlicht-Vorträgen. Jörg Scheilen thematisierte den praktischen Einsatz von temporären Lifeline-Systemen und nahm Bezug auf ihre historische Entwicklung. Werner Portugal gab Einblicke in die laufenden Tests und Messungen, bei denen die einwirkenden Kräfte und Beanspruchungen auf Anschlagsicherungen beim Auffangen technisch exakt ermittelt werden.
Begleitende Fachausstellung
Dass Absturzprävention nicht auf persönliche Schutzausrüstung beschränkt ist, zeigten weitere Vorträge wie auch die begleitende Fachausstellung. Das Fachpublikum bekam diverse Neuerungen bei technischen Sicherungssysteme zu sehen bzw. Lösungen für konkrete Bauprojekte präsentiert. Zur Stärkung von Sachkenntnis und Qualitätssicherung im Umgang mit Schutzmaßnahmen stellten engagierte Fachleute wie Janina Hintermayer (IPAF) und Sladan Tabucic (ESFP) bemerkenswerte Initiativen vor.
Auch 2026 wird es einen Fachkongress für Absturzsicherheit geben – zum zehnten Mal! Fest steht bereits, dass die Jubiläumsausgabe wiederum in Berlin stattfinden wird. Das gab das Organisationsteam vom Bauverlag um Anke Bracht, Stephan Thomas und Rainer Homeyer-Herkt zum Abschluss bekannt.
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BauPortal 1|2026
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