Künstliche Intelligenz, Bauorganisation
Gefährdungsbeurteilung per Chatbot

Ein Gerüstbauunternehmen zeigt, dass sich Gefährdungsbeurteilungen mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) erstellen lassen. Dafür verarbeitet ein Chatbot Auftragsdaten und Rahmenbedingungen der Baustelle. Die KI wird stetig mit neuen Trainingsdaten verbessert und soll künftig auch Bildinformationen verarbeiten können.
Die Möglichkeiten der digitalen Transformation und die Adaptionsfähigkeit künstlicher Intelligenz durch Large Language Models (LLMs) versprechen auch für den Arbeitsschutz Vorteile. Die hat ein Gerüstbauunternehmen für sich entdeckt und gemeinsam mit einem IT-Dienstleister einen auf die eigenen betrieblichen Prozesse zugeschnittenen Chatbot entwickelt. Die KI-Anwendung basiert auf dem bis dato wohl prominentesten LLM, ChatGPT. Das bietet auch im kostenfrei nutzbaren Modus die Option, den grundlegenden Algorithmus des LLM für individuelle Ansprüche mit eigenen Daten zu trainieren. Das bedeutet, der Bot bringt bereits das Allgemeinwissen des globalen Modells mit und kann nun mit den gewünschten Informationen und Quellen für eigene Zwecke gefüttert werden. Vom Prinzip her wie gemacht, um ein Kompendium, etwa eine Gefährdungsbeurteilung (GB), in immer wiederkehrender Form und vergleichbaren Aufgaben und Rahmenbedingungen auszugeben. Jemand muss die Möglichkeiten bloß erkennen und nutzen.
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Digitale Gefährdungsbeurteilung mit KI kombiniert
Wie das Gerüstbauunternehmen Gemeinhardt aus dem sächsischen Roßwein. So anspruchsvoll die Projekte im Spezialgerüstbau sind, so herausfordernd sind auch die Arbeitsschutzbelange für eine sichere Abwicklung. Die Geschäftsführer Walter Stuber und Dirk Eckart haben ihrem Unternehmen seit jeher systematisch betrieblichen Arbeitsschutz verordnet. Bereits dreimal durchlief der Spezialgerüstbauer erfolgreich das Arbeitsschutzmanagementsystem der BG BAU (AMS BAU). Die Anwendung von Schutzmaßnahmen im Gerüstbau ist bei Gemeinhardt obligatorischer Teil der Ausbildung. Ebenso setzen die beiden Geschäftsführer auf Innovationen für ihr Handwerk und hatten dafür in der Vergangenheit u. a. eine digitale GB entwickelt. „Bisher haben wir unsere GB mit vorgefertigten Textbausteinen angelegt“, so Geschäftsführer Walter Stuber, „allerdings mussten wir diese Bausteine im Betrieb dauernd an die Gegebenheiten vor Ort anpassen und selbst pflegen.“ Dann sei ChatGPT in den Alltag eingezogen und damit auch die Chance, Chatbots mit spezifischen Daten aus Unternehmen und Gewerk für eigene Zwecke zu trainieren.
Mit jeder Gefährdungsbeurteilung dazulernen
Gemeinsam mit dem auf KI-Integration spezialisierten Dienstleister IT-Team Six habe man diese Möglichkeit aufgegriffen und schließlich einem solchen Bot die Struktur einer GB für Gerüstbautätigkeiten beigebracht. Dieser, getauft auf den Namen „Sicherheitsbeauftragter Simon“, wird nun bei jedem neuen Auftrag mit den relevanten Daten über die Arbeitsstelle und Tätigkeiten aus Ausschreibung, Planung und Beauftragung versorgt. Die KI gleicht die neuen Informationen mit dem bestehenden Datenbestand ab, sucht nach Mustern, antizipiert Neues, ordnet es ein und lernt so beständig dazu. Die Eingabe der Rahmendaten erfolgt als Prompt, der Bot gibt umgehend eine GB dazu aus. User mit Systemzugriff können sie nach und nach ergänzen und schließlich als PDF oder Word-Dokument ausgeben und unterzeichnen.
Fehlen Angaben oder sind zusätzliche Infos nötig, z. B. welches Gerüstsystem zum Einsatz kommen soll, reagiert die KI und fragt nach. Das gilt auch für häufig wiederkehrende Gegebenheiten auf Baustellen wie Gräben, Böschungen, Arbeiten an und über Gewässern, Verkehrswegen und Freileitungen, für die adäquate Schutzmaßnahmen, Sicherheitslösungen und -verfahren abgeleitet werden. „Simon“ verfügt zudem über die von ChatGPT bekannten Funktionen: So ist eine Spracheingabe möglich. Die automatische Memory-Funktion erlaubt, bestehende GB nachträglich zu verändern, anzupassen oder fortzuschreiben. Ist das Ganze abgeschlossen, können aus dem Ergebnis sämtliche Formate für die Dokumentation sowie Checklisten oder Unterweisungsmaterialien erzeugt werden. Soll die Materie tiefer beleuchtet werden oder braucht es alternative Verfahren, verlinkt der Bot auf Regelwerke und Handlungshilfen. Seit Oktober 2024 nutzt die Bauleitung das System aktiv in der Arbeitsvorbereitung.
Früher oder später soll der Chatbot aus Baustellenbildern die GB und eventuell noch andere nützliche Informationen ableiten können.
Gefahrenerkennung per Bild
Marcus Muschke, Projektleiter für die Ausbildung bei Gemeinhardt, hat als Hauptverantwortlicher viel Zeit und Engagement in die Umsetzung des Chatbots investiert. Aus seiner Sicht sind noch einige Entwicklungsschritte zu gehen. Viel Potenzial sieht er für die Gefährdungsanalyse von Bildern. „Sowas ist ja bereits heute möglich, früher oder später soll der Chatbot aus Baustellenbildern die GB und eventuell noch andere nützliche Informationen ableiten können“, blickt Muschke voraus. Wie in der aktuellen KI-Entwicklung auch gehen an dieser Stelle die auf Textinformationen fixierten LLM mit auf Bilderkennung trainierten Anwendungen zusammen. So möchte man bei Gemeinhardt den Chatbot nach und nach mit Abbildungen trainieren und das Wissen mit Textinformationen verknüpfen, um daraus wiederum z. B. bildgestützte Unterweisungen zu generieren. Ziel ist es, neu auftretende Gefahren frühzeitig zu erkennen und Gerüste auf potenzielle Sicherheitsmängel zu überprüfen, die in der Praxis schnell mal übersehen werden. In diesem Zusammenhang ist es enorm wichtig, dass neue Regelungen und Änderungen stets berücksichtigt werden. Wenn das funktioniert, so Muschke, ist „Simon“, der Sicherheitsbeauftragten-Bot, in der Lage, auch den Kolonnenführern von Gemeinhardt direkt auf den Baustellen zu helfen. Darüber hinaus sind weitere Optionen sowohl für die Planung von Tätigkeiten und Projektierung als auch für die Vermarktung in der Branche denkbar.
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Ausgabe
BauPortal 1|2025
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