Bauorganisation, Digitalisierung
Start-up-Lösung von „Aerobotics“
Hohe Gebäude haben alle das gleiche Problem: Wie können Tragwerke, Unterseiten von Decken oder schwer zugängliche Wandteile inspiziert, gewartet und ggf. saniert werden? Klar: Gerüste und Hebebühnen gehen fast immer – zur Not kommen auch Gewerbe- und Industriekletterer mit besonderer Sicherung zum Einsatz. Aber erstens ist das meist kostspielig bei Höhen zwischen 30 und 300 Metern und zweitens mit Risiken für die Ausführenden verbunden. Was also tun bei überdachten Stadien und Arenen, Kirchen, Messe- und Industriehallen?
Fragt man Henrik Modes, seit 40 Jahren im Einsatz als Gewerbekletterer, Ausbilder für Alpintechniker und Experte bei Präventionsmaßnahmen für Höhenarbeiten, lautet die Antwort: Aerobotics. Zusammen mit seinem Partner Dr. Andreas Karguth hat er das Unternehmen in Sachsen gegründet und in den letzten Jahren einen Arbeitsballon mit Roboterarmen in Ultraleichtbauweise entwickelt. Ausgerüstet mit Sensoren und gesteuert über ein Pult mit Monitoren am Boden kann der „Kollege Roboterballon“ für diverse Arbeiten in der Höhe eingesetzt werden. Selbst als fliegendes Malergerät ist der Aerobot einsetzbar.
Einsatzmöglichkeiten:
- Messung von Betonüberdeckungen
- Betonprüfungen mit Rückprallhammer
- Prüfungen mittels Bohrkernen
- Setzen von Datenloggern und Rissmarken
- Ultraschall-Bewehrungssuche
- Farbdicken- und Korrosionsmessung
- Schweißnahtkontrolle
Vielseitiger als eine Drohne einsetzbar
Die besondere Stärke des Aerobots: Er kann durch seine Konstruktion Arbeiten über Kopf, rückseitig und an schwer zugänglichen Stellen ausführen, was Drohnen so nicht hinbekommen. Zwei Roboterarme in 45-Grad-Anordnung auf der Oberseite eines mit Helium gefüllten Ballons mit ca. 3,5 m Durchmesser erlauben einen 16 m² großen Arbeitsraum und quasi unbegrenzte Einsatzzeiten. Ohne Staubaufwirbelung durch einen Propeller und quasi geräuschlos schwebt der Roboterballon vom Boden aus gesteuert durch hohe Gebäude und verrichtet seine Arbeit. Das Luftkanalsystem sorgt nicht nur für die Manövrierfähigkeit, sondern erlaubt auch die nachhaltige Heliumrückgewinnung.
Bewährt im praktischen Einsatz
Was nach einer verspielten Start-up-Idee klingt, hat aber außer Kosten und Fantasie auch schon praktischen Nutzen erzeugt und seine Tauglichkeit bewiesen. Die Palette reicht von Schweißnahtprüfungen an den Toren und Trägern der früheren Cargolifter-Halle, die heute das bekannte Badeparadies Tropical Island beherbergt, über Rissmarkensetzungen am Dom in der Stadt Brandenburg bis zur Inspektion von Entrauchungsschächten für Autobahnmeistereien. Die Gründer nutzen die bei den ersten Aufträgen gewonnenen Erkenntnisse, um eine Kleinserie vorzubereiten. Henrik Modes verweist auf den enormen Kostenvorteilsfaktor seines Aerobots „von bis zum 20-Fachen gegenüber Gerüsten bzw. Hebebühnen“. Vorbeugende Inspektionen ermöglichen eine bessere Planbarkeit und beugen Gefahren vor. Insgesamt zwei Deutschland- und ein Europa-Patent stecken schon in dem Ballonroboter.
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Neben der haptischen Bauwerksuntersuchung gemäß DIN 1076 sind für Modes viele weitere Anwendungen denkbar. So lässt sich etwa eine Waschwalze am Balloncopter anbringen um große Gebäudekomplexe wie Logistikzentren mit hohen Fassaden zu reinigen. Ein modulares System, das bei einem längeren Einsatz in der Höhe acht bis zehn Werkzeuge mit sich führt, wäre laut Modes auch noch eine Entwicklungsoption.
Partner für Weiterentwicklung und neue Anwendungen gesucht
Derzeit konzentriere man sich „auf die Fertigstellung und Genehmigungsverfahren zur Zulassung als Fluggerät für Deutschland und Europa“. Dafür und für die Weiterentwicklung des Systems sowie die Kleinserien-Produktion sucht Aerobotics Partner – geschäftlich wie auch als Investoren. Und interessierte Fachkräfte oder Bauingenieure sind ebenfalls herzlich willkommen. Eines ist Henrik Modes wichtig: „Mit dem Balloncopter haben wir eine neue Tür aufgestoßen, um künftig bei vielen Arbeitseinsätzen Personen aus der Absturzzone herauszunehmen. Unser Gerät ist eine sinnvolle Alternative für Höhenarbeiten. Der mobilen Robotik als moderner Arbeitsschutz gehört die Zukunft.“
Autor
Ausgabe
BauPortal 4|2022
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