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Visualisierung des sanierten Gebäudes mit braunen Fassadenelementen und Photovoltaik-Elementen auf dem Dach.
Greizer Gebäude nach der Sanierung | Bild: ecoworks

Baustelle im Fokus, Sanierung und Bauwerksunterhalt

Serielle Sanierung in Greiz

Seit Jahren wird über serielles Sanieren debattiert. Nicht viel ist zwischenzeitlich konkret passiert. Das Thüringer Energieministerium startete daher eine „Wärmeoffensive“ mit Pilotprojekten, die sich auf technische Lösungen für energieeffiziente Gebäude, den Einsatz nachhaltiger Baustoffe sowie auf serielles Bauen konzentrieren. Eins dieser Vorhaben verwirklicht derzeit die Wohnungsgenossenschaft (WG) „Textil“ im thüringischen Greiz.
 

Greiz ist mit seinem Oberen und Unterem Schloss im Tal der Weißen Elster und den vielen historischen Bezügen ein Kleinod unter den Städten Thüringens. Vor allem der Gebäudebestand der Innenstadt wurde ansprechend und mit viel Aufwand hergerichtet. Doch das reicht Kati Stein nicht. Als Vorstand der Wohnungsgenossenschaft „Textil“ in Greiz möchte sie, dass es sich auch in ihrem Wohnungsbestand außerhalb des Zentrums gut und bezahlbar leben lässt. Daher beschloss die Wohnungsgenossenschaft 2018, unter anderem 15 Wohnungen in der Schmidtstraße 12 bis 14 gründlich zu modernisieren. Immerhin stammten die schon aus dem Jahr 1969 und wurden noch dazu mit Gasthermen geheizt – wie alle anderen Gebäude im Gebiet. Die Warmwasserbereitung basierte ebenfalls auf Gas. Kati Schmidt berichtet: „Das Gebäude war schon fast leergezogen. Da fragte uns der Verband Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, ob wir in Thüringen ein Zeichen setzen und nach dem ‚Energiesprong-Prinzip‘ (Energiesprung) sanieren wollten. Das Energieministerium des Landes würde uns mit über 2 Mio. Euro fördern.“ Die engagierte junge Frau informierte sich sofort darüber, was das alles besagt.
 

Kati Stein, Vorstand der Thüringer Wohnungsgenossenschaft eG Textil Greiz, und Jan Grüneberg, Projektleiter ecoworks, vor dem Pilotprojekt.
Kati Stein, Vorstand der Thüringer Wohnungsgenossenschaft eG Textil Greiz, und Jan Grüneberg, Projektleiter ecoworks, vor dem Pilotprojekt
Bild: Bärbel Rechenbach


Energiesprong und NetZero-Standard

Das „Energiesprong-Prinzip“ stammt aus den Niederlanden und wird dort seit 2013 intensiv umgesetzt. Mittels digitalisierter Bauprozesse, hochwertiger, standardisierter Lösungen mit seriell vorgefertigten Elementen sowie einem langjährigen Performance-Versprechen soll es zu hohem, bezahlbarem Wohnkomfort, kurzen Sanierungszeiten, bezahlbaren Sanierungskosten führen. Ziel von Energiesprong ist es, ein NetZero-Standard für Gebäude zu erreichen – ein Gebäude soll übers Jahr gerechnet so viel Energie für Heizung, Warmwasser und Strom erzeugen, wie benötigt wird. Mit diesem Ansatz sollen die Bewohner nicht mit langen Bauzeiten belastet werden. Künftig soll diese Art des Sanierens warmmietenneutral umsetzbar sein. NetZero versucht, die Lücke zu füllen, die Klimaneutralität bislang noch offenlässt: Festlegung eines Mindestziels für die CO2-Reduzierung, das sich auf den Großteil der Scope-3-Emissionen (Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette eines Unternehmens) innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens bezieht. Es geht zudem um die schrittweise Weiterentwicklung von Klimaschutzprojekten, die CO2-Emissionen ausgleichen, bis hin zu Projekten, die CO2 entfernen (Carbon Removal).

Mittlerweile macht das „Energiesprong-Prinzip“ weltweit erfolgreich die Runde. In Deutschland wird es über die Deutsche Energieagentur (dena) in die Breite getragen, die erfolgreich die ersten Projekte begleitet.
 

Überzeugender Ansatz für Greiz

Das „Energiesprong-Prinzip“ überzeugte die studierte Betriebswirtschaftlerin nicht nur in Sachen Nachhaltigkeit, sondern auch hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit durch geringere Bauzeiten und die witterungsunabhängige Vorfertigung. Kati Stein berichtet weiter: „Wir sagten zu und beschlossen zudem, auch noch die Wohnungsgrundrisse zu verändern, Balkone anzubringen, Aufzüge einzubauen und Fotovoltaik auf dem Dach zu installieren.“ Als Verstärkung holten sich die Greizer das Team der ecoworks GmbH Berlin sowie eine Innenarchitektin und einen Elektrofachplaner mit ins Boot.
 

Die Sanierung des Wohnhauses in Greiz ist abgeschlossen.
Greizer Gebäude nach der Sanierung
Bild: ecoworks
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Illustration: Die vorgefertigten Bauteile für die Sanierung in blau zeigen im Zusammenhang mit den Montagestellen den Prozess der Sanierung.
Die vorgefertigten Bauteile für die Sanierung in blau zeigen im Zusammenhang mit den Montagestellen den Prozess der Sanierung.
Bild: ecoworks
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Das Gebäude vor der seriellen Modernisierung in Greiz.
Greizer Gebäude vor der Sanierung
Bild: Bärbel Rechenbach
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Ein Fassadenelement hängt vor der Montage ein einem Kran.
Montage eines Fassadenelements
Bild: ecoworks
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Unterstützung durch spezialisiertes Unternehmen

Die ecoworks GmbH ist ein Start-up, das sich seit geraumer Zeit auf digitale komplexe Planung und Umsetzung serieller Sanierung spezialisiert hat. Ein vollständig digitalisierter End-to-end-Prozess, industrielle Vorfertigung und modulare Bauweise ermöglichen so die Dekarbonisierung von Mehrfamilienhäusern mit bis zu vier Stockwerken in sehr kurzen Bauzeiten. Die jungen Ingenieure und Architekten von ecoworks vermessen per 3-D-Scan ein Gebäude und entwickeln danach einen 3-D-Gebäudezwilling, der während des gesamten Bauprozesses für alle Beteiligten als Modell dient. Bis zu 80 % aller Bauleistungen können so von der Baustelle in die Fabrik verlagert werden. Die vorgefertigten Elemente einer Gebäudehülle enthalten bereits integrierte Fenster, Türen und intelligente Haustechnik. Bereits 2019 holte sich das Team mit seinem Konzept den „Energie-Effizienzpreis“ und 2020 den „PropTech Innovationspreis“. Als erstes Unternehmen setzt ecoworks energetische Sanierung auf diese Weise um.
 

Ecowork-Team
Gregor Loukidis (l.), Manager bei ecoworks, und Gründer Emanuel Heisenberg
Bild: ecoworks


Erfolgreiche Realisierung in der Praxis als Vorlage

Dass ihr „Energiesprong-Prinzip“ der seriellen Sanierung funktioniert, haben die ecoworker u. a. in Köln und Hameln bei ähnlichen Projekten bewiesen. In Köln wird z. B. im Auftrag der LEG ein bestehender Wohnkomplex bis Mitte nächsten Jahres in ein Net-Zero-Quartier verwandelt – und das im bewohnten Zustand. Im „Quartier Kuckuck“ der arsago Real Estate Management GmbH Hameln sorgen z. B. 7,0 m lange, 2,85 m hohe und 36 cm dicke vorgefertigte Holz-Fassadenelemente für erhebliche Energie- und damit Kostensenkung. Die Bauteile enthalten auch dort bereits eine Wärmedämmung aus Recycling-Glaswolle, Fenster, dezentrale Lüftung mit Wärmerückgewinnung und konnten dadurch direkt auf der Baustelle zügig montiert werden. Auch die Dachelemente sind vorgefertigt. Kellerdecken mit 20 cm dicker Dämmung ergänzen das Ganze. Dank dieser effizienten Bauweise erreicht das Gebäude heute KfW55-Standard. Gefördert wurde die Maßnahme hier durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die Städtebauförderung und das EU-Programm INTERREG.
 

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Vorgefertigte Hülle soll in Greiz Kosten und Zeit sparen

Auch für das Greizer Projekt soll die energetische Sanierung mit einem verkürzten Bauablauf verbunden sein. Jan Grüneberg, Projektmanager bei ecoworks, erklärt näher, wie das funktioniert: „Das Greizer quaderförmige Gebäude ohne Vor- und Rücksprünge bot sich für unsere Vorgehensweise sehr gut an. Wir werden hier eine Hülle davorsetzen und das Dach und die Kellerdecken dämmen. Für die Hülle kommen 8 m breite, werkseitig vorgefertigte Fassadenelemente aus Faserzement (U-Wert 0,13) zum Einsatz. Darin sind bereits Fenster, Sonnenschutz, Lüftungsleitungen und Wasserstränge enthalten. Das erübrigt im Inneren der Wohnung den herkömmlichen Leitungsschacht. Über Windsoganker werden die Elemente im 10 cm Abstand einfach vor die bestehende Fassade geschossweise übereinandergestapelt und verbunden. Die komplette Lastabtragung erfolgt über die Gebäudehöhe im Sockelbereich. Das alte Teerdach wird entfernt und durch dämmende Sandwichelemente ersetzt, einschließlich der nötigen Auslegungen für Fotovoltaik (152 Module/61 Kilowatt Spitzenleistung). Dazu kommt ein 60-kWh-Stromspeicher (KFW 55-EE).“

Fotovoltaik kombiniert mit Luft-Wärmepumpen-Technik soll künftig so viel Strom erzeugen, wie die Mieter übers Jahr zum Heizen, für Haushaltsstrom, Lüftungsstrom und Warmwasserbereitung benötigen. Sie können den Strom dann vergünstigt entsprechend dem Mieterstrommodell über den Energieversorger kaufen.
 

Titelbild DGUV Information 203-080 Montage und Instandhaltung von Photovoltaik-Anlagen
Bild: BG BAU

DGUV Information 203-080 "Arbeitsschutz bei der Montage und Instandhaltung von Fotovoltaik-Anlagen"

Montage, Wartung und Instandhaltung von Fotovoltaik-Anlagen (PV-Anlagen) auf Dächern müssen zum einen jede Absturzgefahr vermeiden. Zum anderen sind auch bei den elektrotechnischen Anschlussarbeiten und Prüfungen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, da hier elektrische Gefährdungen auftreten können.

Mit der DGUV Information 203-080 „Montage und Instandhaltung von Photovoltaik-Anlagen“ wird die Beurteilung der möglichen Gefährdungen erleichtert und unterstützt.
 

DGUV Information 203-080
 

Hürden nur gemeinsam bewältigen

„Ich bringe zwar schon viel Berufserfahrung aus der Stadtsanierung mit“, erzählt Kati Stein, „aber ‚digitale serielle Sanierung‘ ist auch für mich völlig neu und hält auch viele Überraschungen parat. Denn der Weg vom digitalen Modell in die Praxis verläuft bei einem Pilotprojekt eben nicht immer hürdenlos. Da rollt man schon mal mit den Augen – zwischen Planern, Architektin, Handwerkern, Ämtern, Energieversorger und Genossenschaftern existieren eben viele Schnittmengen, die vernünftig zusammengebracht werden müssen. Das heißt für alle, an einem Strang ziehen und Befindlichkeiten außen vorlassen.“

Das gilt in diesen Tagen mehr denn je, denn niemand weiß, welche Materialpreise z. B. morgen noch gelten oder welche Firma noch Handwerker und Baustoffkapazitäten hat. Es braucht z. B. auch noch viel zu viel Bürokratie in den Abrechnungen, was das Mieterstrommodell angeht. Ein Lernprozess für alle Beteiligten. Da reichen Videokonferenzen oft nicht aus, um Fragen und Bedenken zu klären. „Daher treffen wir uns jetzt regelmäßig in Greiz und beraten die Vorgehensweise gemeinsam an einem Tisch. Das ist der beste Weg, um das Sanierungskonzept zügig zu verwirklichen. Denn jetzt ist alles vorbereitet und die Sanierung kann beginnen. Mitte 2023 soll das sanierte Haus einzugsbereit stehen“, meint Kati Stein zuversichtlich.
 

Pilotprojekt in Ostdeutschland

Es ist dann das erste Sanierungsprojekt Ostdeutschlands, das nach dem „Energiesprong-Prinzip“ realisiert wird. „Wenn alles so läuft wie berechnet, sparen wir in den kommenden 15 Jahren etwa 654 t CO2 bzw. 2.554.890 kWh Energie ein. Für uns ist das ein weiterer Schritt, um 2025 im gesamten Quartier klimaneutral zu sein. Dazu zählt auch der Aufbau eines kalten Nahwärmenetzes mit Erdwärmesonden und Sole-Wasser-Wärmepumpen. Das wird voraussichtlich im Jahr 2024 geschehen. Nicht zu vergessen die abschließende Wohnumfeldgestaltung, die das Projekt abrundet“, erläutert Kati Stein. Dieser innovative Ansatz macht hoffentlich nach Greiz weiter die Runde. Laut Deutscher Energieagentur (dena) kämen bundesweit 2,3 Mio. Gebäude für eine digitale Vermessung mit anschließender industrieller Fertigung der Dämmteile infrage. Greiz, Köln, Hameln und demnächst auch Erlangen sind (leider) erst der Anfang. Serielle Sanierung braucht viel mehr Tempo und Akteure, um einen echten Energiesprung in der Gebäudewirtschaft zu schaffen.
 

Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung.
Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung
Bild: ecoworks
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Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung.
Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung
Bild: ecoworks
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Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung.
Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung
Bild: ecoworks
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Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung.
Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung
Bild: ecoworks
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Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung.
Energiesprong-Baustelle 2019 in Hameln nach der Sanierung
Bild: ecoworks
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Organisatorische Maßnahmen für Auftragnehmer/Montagebetrieb bei der Montage/Instandhaltung von PV-Anlagen:

  • Bei Angebotsabgabe erforderliche Absturzsicherungen (Absturz und Durchsturz) einbeziehen
  • Kunden von notwendigen Schutzmaßnahmen als Bestandteil des Angebots überzeugen
  • Anforderungen von Gesetzgeber und Unfallversicherungsträger an Montage einer PV-Anlage müssen dem Auftraggeber bekannt sein.
  • Festlegen anzuwendender Schutzmaßnahmen und des Arbeitsablaufs in einer Montageanweisung
  • Bestimmen des Aufsicht führenden Fachbauleiters/Montageleiters, der die Firma vor Ort vertritt. Klären aller Fragestellungen zum Arbeitsablauf
  • Benennen eines Koordinators bei Zusammenarbeit mehrerer Unternehmer ggf. in Absprache mit dem Auftraggeber oder Bauleiter
  • Bestimmen eines Arbeitsverantwortlichen gemäß VDE 0105-100 bzw. einer Elektrofachkraft für die Durchführung elektrotechnischer Arbeiten
  • Unterweisen aller Mitarbeiter vor Ort, des Fachbauleiters und Besprechen des Arbeitsablaufs
  • Festlegen der Verkehrssicherungsmaßnahmen und der Transportabläufe
  • Sicherstellen der Rettungskette im Notfall zur Rettung der Personen an hochgelegenen Arbeitsplätzen nach (DGUV Regel 112-199) sowie Maßnahmen nach elektrischer Körperdurchströmung und Störlichtbogeneinwirkung (DGUV Informationen 204-022 und 203-002).
Autorin

Bärbel Rechenbach

Freie Baufachjournalistin


Ausgabe

BauPortal 4|2022