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Ein Akkuschrauber schraubt eine Schraube in ein Trockenbauprofil aus Zellstoff, weitere Profile liegen auf einer Werkbank.
Bild: Thomas Mohn/SORIWA GmbH

Trockenbauprofile aus Zellulose

Keine scharfen Kanten, keine Schnittwunden an den Fingern und Armen, kein Funkenflug beim Schneiden: Neuartige Trockenbauprofile aus recyceltem Zellstoff schonen Gesundheit und Umwelt, lassen sich aber genauso einfach verarbeiten wie Standardprodukte. Wie funktioniert das?
 

Mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres im August 2026 müssen nachhaltige Produkte in die Ausbildung von Bauberufen einbezogen werden. Die Azubis im Trockenbau könnten eine in dieser Hinsicht echte Innovation in ihrer Lehrzeit kennenlernen. Denn im vergangenen Jahr erhielt ein aus Zellstoff bestehendes Trockenbausystem die bauaufsichtliche Zulassung. Seit Jahrzehnten sind konventionelle Trockenbauprofile aus verzinktem Stahl Standard im Innenausbau. Sie sind normiert, gut verfügbar und recht unkompliziert mit herkömmlichem Werkzeug verarbeitbar. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Arbeitssicherheit auf den Baustellen. Stahlprofile weisen scharfe Schnittkanten auf, erfordern einen erhöhten Aufwand bei der Sortierung unterschiedlicher Profiltypen und hinterlassen eine vergleichsweise ungünstige CO₂-Bilanz. Diese Defizite kann das vom Start-up Soriwa entwickelte Trockenbauprofil aus Zellfaserstoff nahezu vollständig ausgleichen.
 

Innenansicht eines Raums im Holzrahmenbau mit freiliegenden Holzständern und Wandplatten im Rohbau.
Vollständiger Wandaufbau mit papierbasierten Trockenbauprofile
Bild: Thomas Mohn/SORIWA GmbH

 

Ein Profiltyp für alle Einsatzzwecke

Michael Sommer und Andreas Ridder waren über 30 Jahrein der Holz- und Baustoffindustrie tätig, bevor sie Soriwa im Jahr 2023 mit der Idee gründeten, ein alternatives Montagesystem auf Basis nachwachsender Rohstoffe zu entwickeln, das sich ebenso unkompliziert verarbeiten lässt wie die etablierten Stahl- und Holzständerwerke. Im Ergebnis entstand das Soriwa Multi-System, ein drei Komponenten umfassendes und somit modulares Montagesystem für Trockenbaukonstruktionen, das ganz und gar auf Metall verzichtet – abgesehen von den Verschraubungen.
 

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Kernelement ist das Multi-Profil – ein stabiles, mehrschichtiges Faserprofil aus Zellstoff, das in drei Breiten (50, 75 und 100 mm) sowie in den Längen 3,00 m, 3,50 m und 4,00 m erhältlich ist. Das Profildesign wurde so entworfen, dass sich damit die marktgängigen aus Stahlblech gefertigten CW-, UW- und UA-Profile ersetzen lassen – ein Umstand, der Lagerhaltung, Materialdisposition und Baustellenlogistik spürbar vereinfacht. Die beiden weiteren Systemkomponenten machen diese Allrounder-Eigenschaften möglich: Der Soriwa-Verbinder erlaubt den Aufbau tragfähiger Rahmenkonstruktionen ohne konventionelle CW- und UW-Profile. Der Soriwa-Kern verleiht dem Multi-Profil die für tragende Konstruktionseinheiten – etwa im Bereich von Türzargen – erforderliche Steifigkeit und übernimmt damit die Funktion des UA-Profils.
 

Innenansicht eines Raums im Holzrahmenbau mit freiliegenden Holzständern und Wandplatten im Rohbau.
Profil und Kern aus Konstruktionsvollholz kommen da zum Einsatz, wo das Ständerwerk später Türzargen und Fenster halten soll.
Bild: Thomas Mohn/SORIWA GmbH

 

Niedrigschwellige Verarbeitung

Das All-in-One-Profil reduziert Verwechslungs- und Fehlanwendungsrisiken in der Planung und Montage und erfordert damit geringere Such- und Rüstzeiten. Es ist kompatibel mit den bekannten Standardwerkzeugen. Damit ist eine Umschulung des Montagepersonals – ob Anfänger oder Trockenbauprofi– nach Herstellerangaben nicht erforderlich. Die hohe Festigkeit des Materials ergibt sich aus der Materialmischung, bestehend aus 87,9 % recyceltem Zellstoff, 1,5 % Frischfaser und 10,6 % Faserbondleim. Der als Recyclingprodukt gewonnene Zellstoff wird Schicht für Schicht mit nassfestem Leim verbunden und zu hoher Dichte verpresst. Diese Materialzusammensetzung kann zum Ende des Nutzungszyklus wieder in den Recyclingkreislauf eingespeist werden, wie Soriwa per Zertifikat bestätigt wurde. In der Summe ergibt sich eine um ein Vielfaches reduzierte CO2-Bilanz gegenüber Produkten aus verzinktem Stahl. Nach durch eine unabhängige Umweltproduktdeklaration (EPD) dokumentierten Werten wird in den Lebenszyklusphasen A1–A3 des Produkts – von der Grundstoffgewinnung über die Produktion bis hin zur Wiederverwertbarkeit– rechnerisch mehr CO2 gebunden als emittiert.
 

Schnittverletzungen und deren Auswirkungen beim Trockenbau

Belastbare Kennzahlen zu Schnittverletzungen speziell im Trockenbau ergeben sich aus den statistischen Erhebungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Die Fakten zeigen, dass sogenannte Zerreißungen, zu denen Schnittverletzungen gehören, mit insgesamt 41,5 % die häufigste Verletzungsart beim Trockenbau ist. Sie rühren meist im Umgang mit Schneidwerkzeugen her, vor allem Cuttermessern. Mit 10,8 % führen Metallteile, z. B. Blechkanten, am zweithäufigsten zu Verletzungen, die als schwere Unfälle eingestuft werden.
 

Keine scharfen Kanten 

Neben dem Aspekt der Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit bringt der Materialwechsel von Stahlblech zu Zellstoff weitere Vorteile: Die Bauteile besitzen keine scharfen Blechkanten und splittern nicht wie Holz. Damit reduziert sich das Risiko typischer Schnittverletzungen beim Tragen, Sortieren, Einpassen und Versetzen von Profilen gegen null – insbesondere in Arbeitsphasen mit branchenüblich hoher Taktung (Materialumschlag, Vormontage, Nacharbeiten).
 

Innenansicht eines Raums im Holzrahmenbau mit freiliegenden Holzständern und Wandplatten im Rohbau.
Die Trockenbauprofile aus Zellstoffen besitzen keine scharfen Kanten und sind auch ohne Handschuhe handhabbar.
Bild: Thomas Mohn/SORIWA GmbH


Weniger Risiken bestehen auch bei der Verarbeitung: Beim Ansetzen der Trockenbauschrauben lassen sich deren Gewindespitzen minimal in die Zellstoffoberfläche eindrücken, sodass die Schraube zu Beginn des Schraubvorgangs direkt an Ort und Stelle in das Material greift, ohne wie häufig auf blankem Blech zu verrutschen. Die feste Schichtung der Zellstofffasern begrenzt die Staubbelastung infolge des Bearbeitens. Beim Schneiden von Stahlblechprofilen entsteht dagegen kein Staub. Dafür wird nicht selten statt zur Blechschere zum Trennschleifer gegriffen. Der beim Schnitt entstehende Funkenflug ist im Innenausbau eine nicht zu unterschätzende Zündquelle für Brände.
 

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Bild: SANALRENK / Getty Images

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Umfänglich geprüft und offiziell zugelassen

Trotzdem ist der Brandschutz aufgrund der Materialzusammensetzung ein Thema. Zellstoff wird gemeinhin leichte Entzündlichkeit unterstellt. Die Soriwa-Produkte erfüllen laut Herstellerangaben alle Brandschutzanforderungen (Brandverhalten: Baustoffklasse E, in Wandaufbauten EI30 und EI60) für die zugelassenen Einsatzbereiche. Das gilt auch für Trockenbau in Feuchträumen wie Bädern oder Waschräumen. Im Jahr 2025 erhielt das gesamte Trockenbaumontagesystem eine bauaufsichtliche Zulassung (abZ). Der Markteinführung gingen eingehende Prüfungen von Schall- und Brandschutz sowie Festigkeit (bei Wandbelastung) und Haltbarkeit voraus. Mit diesen Voraussetzungen setzt das Soriwa-System in Sachen Nachhaltigkeit Maßstäbe und bedient bei der Verarbeitung bewährte Handwerkstechniken, die kaum Umgewöhnung noch anderer Werkzeuge bedürfen und dazu wesentliche Arbeitssicherheitsgefährdungen ausschließen.
 

Autor

Stephan Imhof

Redaktion BauPortal