Visualisierung des Lidl-Modulbaus von der Hönower Straße aus
Visualisierung des Lidl-Modulbaus von der Hönower Straße aus | Bildquelle: Lidl

Bauwerksbau

Wohnen über dem Discounter

Als erstes Unternehmen seiner Branche überhaupt nahm Lidl vor einem Jahr an der „bautec“ teil, um seine neue Idee zu präsentieren: die kombinierte Nutzung aus Filiale und Wohnen mithilfe seriell gefertigter Raummodule. Jetzt steht das erste Projekt in Berlin-Mahlsdorf bereits kurz vor der Fertigstellung.
 

Die Flachbauten der Supermärkte nehmen in Deutschland mittlerweile riesige Flächen ein. Allein der genannte Discounter betreibt in Deutschland über 3.200 Filialen und expandiert noch weiter. Immer knapper werdender Bauboden in Metropolen wie Berlin und fehlender bezahlbarer Wohnraum zwingen auch Discounter, ihre Bauvorhaben neu zu überdenken, damit diese genehmigt und akzeptiert werden.

Deshalb bemühen sich Handelsunternehmen, ihre Gebäude einfallsreicher und nützlicher zu gestalten. So werden neuerdings z. B. Glasfassaden mit speziellen, elektrochromen Lagen beschichtet, die sich je nach Sonneneinfall selbst einfärben. Das sieht nicht nur ästhetisch ansprechender aus, sondern hilft auch, erheblich Energie zu sparen, und schafft zudem bessere Arbeitsbedingungen für die Angestellten.
 

Erstes Modulbauprojekt des Discounters

Im Berlin-Mahlsdorf geht der Bauherr noch einen Schritt weiter und setzt auf seiner neue Filiale in serieller Modulbauweise Wohnungen auf. Es ist das erste Bauprojekt des Discounters dieser Art. Dafür kooperiert er eng mit dem bayrischen Bauunternehmen Max Bögl, das sich seit Langem auf modulare Bausysteme spezialisiert hat. Die Mixed-Use-Immobilie entsteht unmittelbar neben dem Kreisverkehr an der Hönower Straße. Kritische Stimmen bemängeln die Objektgröße, die nicht zum Siedlungscharakter passe. Andere dagegen befürworten die Idee, auf dem Discounterdach begehrten Wohnraum am Rande der Stadt zu schaffen – noch dazu im Bereich von S-Bahn- und Regionalverkehr.
 

Ansicht der abgezäunten Baustelle von einer anderen Straße aus
Seitenansicht der Baustelle
Bildquelle: Bärbel Rechenbach
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Blick auf die abgezäunte Baustelle aus einer anderen Perspektive, mit Kran, der ein Modul auf den Rohbau der Filiale aufsetzt.
Die Montage lässt sich per Kran zügig realisieren.
Bildquelle: Bärbel Rechenbach
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Bauaufgabe
Bau einer Filiale kombiniert mit Wohnungen in serieller Modulbauweise


Bauherr
Lidl Dienstleistung GmbH & Co. KG


Generalunternehmer
Max Bögl Modul AG
 

Hoher Vorfertigungsgrad spart Zeit

Die Filiale besteht wie alle von Lidl aus Beton-Fertigteilen. Für die Wohnungen darüber sind auf drei Etagen 114 Raummodule montiert, deren Bodenplatten mit speziellen Schallschutzmatten das Filialdach bilden. Insgesamt 26 Wohnungen entstehen hier mit extensiver Dachbegrünung. Die kleinste Einraumwohnung misst etwa 40 m2, die größte Vierraumwohnung etwa 90 m2. Ein Fahrstuhl sorgt für barrierefreien Zugang.

Die Module wurden in den Längen 6,36 m und 7,15 m bis zu 70 % im Werk Bachhausen digital präzise geplant und vorgefertigt, einschließlich Fenstern. Die Modulbreite beträgt 3,18 m, die Höhe 3,15 m und die lichte Raumhöhe 2,50 m. Obwohl sich die Bausysteme gleichen, lassen sie sich zu vielfältigen Wohnungstypen zusammenfügen, auch übereck.
 

Vorfertigung im Werk
Vorfertigung eines Moduls im Werk von Max Bögl. Eine Person im weißen Schutzanzug bearbeitet gerade die Decke des Moduls.
Bildquelle: Max Bögl Modul AG


Boden und Wände bestehen aus Umweltbeton (selbstverdichtender Beton) mit etwa 36 % geringerem CO2-Footprint (Kilogramm CO2/m³ Beton) im Vergleich zu herkömmlichem Beton. Das gesamte serielle Bausystem entspricht dem Standard eines KFW-55-Effizienzhauses.

 

Die schematische Grafik zeigt, wie ein Raummodul aufgebaut ist. Zu sehen sind beispielsweise die Fenster- und Türelemente.
Aufbau eines Raummoduls
Bildquelle: Max Bögl Modul AG
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Innenansicht eines einzelnen Moduls vor dem Malern. Ein Modul verfügt über 2 große Fenster.
Modul-Innenansicht vorm Malern
Bildquelle: Bärbel Rechenbach
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„Jedes einzelne Modul ist mit Wänden, Boden und Decke gefertigt und integriert bereits notwendige Vorinstallationen für Heizungs-, Lüftungs- und Sanitäranlagen sowie einen Teil des Bodenaufbaus“, erklärt Bauleiterin Sandra Vögele, „sodass auf der Baustelle fast nur noch montiert, gekoppelt, gedämmt und gemalert werden muss. Auch der Otis-Fahrstuhlschacht ist bereits vormontiert. Wir sind dadurch viel schneller als bei vergleichbaren Objekten und vor allem leiser, da sich viele lärmintensive Ausbauarbeiten auf der Baustelle erübrigen.“
 

Das vorgefertigte Badezimmer hat ein Fenster, Duscharmaturen, ein noch mit Plastikfolie bedecktes Waschbecken und einen Handtuchtrockner.
Sanitärzelle mit Fenster
Bildquelle: Bärbel Rechenbach
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Die im Werk schon vorgefertigten Versorgungsanschlüsse der Module
Vorgefertigte Installationen
Bildquelle: Bärbel Rechenbach
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Die im Werk schon vorgefertigten Versorgungsanschlüsse der Module.
Vorgefertigte Installationen
Bildquelle: Bärbel Rechenbach
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Auch die Sauberkeit fällt hier auf. Nur wenige Materialien müssen gelagert werden. Noch einen weiteren Vorzug führt die Bauleiterin an: „Trotz ihrer Ausmaße lassen sich die Raummodule auch auf engstem Raum wie hier per Kran vertikal wie horizontal sehr gut händeln. Für unsere Bauteams bringt das eine enorme Arbeitserleichterung.“

 

Strikte Einhaltung der Sicherheit

Nachverdichtungen wie im dicht besiedelten Mahlsdorf erfordern spezielle Maßnahmen für die Sicherheit sowie den Staub- und Lärmschutz für Anwohnende. Da sich unmittelbar benachbarte Grundstücke auf einem Hang befinden, wurde eine Bohrpfahlwand gesetzt, um die Grundstücke zu stabilisieren. Später wird dort zusätzlich eine Schallschutzwand stehen. Schwerlast-Anlieferungen erfolgten strikt außerhalb der Ruhezeiten. Ein Bauzaun und weitere Absperrungen sichern Passantinnen und Passanten auf den Gehwegen sowie den Baustellenbereich. Um Diebstähle zu vermeiden, wird eine „BauWatch“ eingesetzt.
 

Die Bauwatch, eine Säule mit Kameras, steht am Eingang der Baustelle an einer Straße
"Bauwatch"-Sicherung
Bildquelle: Bärbel Rechenbach


„Was sicheres, unfallfreies Arbeiten auf der Baustelle selbst betrifft, achten wir bei Bögl sehr streng darauf, arbeiten sogar mit Verwarnungen und Verweisen von der Baustelle, wenn jemand partout die Regeln missachtet. Bislang war das hier nicht der Fall. Auch Unfälle gibt es bislang nicht“, erläutert Sandra Vögele.

Eine große Hilfe dabei sei der „Max Point“, bei dem sich täglich von Montag bis Donnerstag um 12.20 Uhr alle Verantwortlichen kurz treffen, um anstehende Fragen und Probleme sofort zu klären, wie die Bauleiterin weiter berichtet.
 

Ein großes rotes Plakat mit verschiedenen Blättern zeigt alle Sicherheitsmaßnahmen und -aktionen auf der Baustelle.
Teamsicherheit steht an erster Stelle
Bildquelle: Bärbel Rechenbach

Arbeitsschutz auf der Baustelle

Die Organisation des betrieblichen Arbeitsschutzes ist für Unternehmensleitungen ein Muss. Sie sind für folgende Maßnahmen zuständig:

  • Durchführung der Gefährdungsbeurteilung,
  • Beschaffen der Sicherheitseinrichtungen,
  • Auswahl der Beschäftigten,
  • Abgrenzen der Verantwortungsbereiche,
  • Übertragen der Unternehmerpflichten,
  • Bestellen der Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Sicherheitsbeauftragten und Ersthelfenden,
  • Bilden eines Arbeitsschutzausschusses,
  • Unterweisen der Versicherten,
  • Überwachen aller sicherheitstechnischen und arbeitsmedizinischen Maßnahmen,
  • Koordinieren der Arbeiten,
  • Berücksichtigen des Sicherheits- und Gesundheitsschutzplans und der Hinweise von Koordinierenden nach Baustellenverordnung.
reppenbereich der Baustelle mit roten Absturzsicherungen.
Absturzsicherung im Treppenbereich
Bildquelle: Bärbel Rechenbach

 

Modulbau – eine spannende Herausforderung

Mit ihren 29 Jahren hat Sandra Vögele schon viele Erfahrungen im Modulbau. Doch die Kombination aus Discounter- und Hochbau bringt auch für sie wieder Neues mit sich, da bei ihr unterschiedlichste Forderungen in Einklang gebracht werden müssen. „Wir befinden uns ständig im engen Kontakt mit dem Bauherrn, der sich wiederum im Filialbau bestens auskennt und weniger im Modulbau“, ergänzt sie. „Learning by doing“ heißt da ihr Erfolgsrezept, das sich gerade jetzt unter Corona-Bedingungen besonders bewährt.

 

Bauleiterin Sandra Vögele mit Bauhelm und Warnweste.
Bauleiterin Sandra Vögele
Bildquelle: Bärbel Rechenbach


Aber neben den Herausforderungen im Modulbau waren auch andere zu meistern, wie etwa plötzliche Materialengpässe: „Für den Ausbau der Standardriegelböden der Module blieb die Lieferung nötiger Holzfaserplatten aus. Wir haben mit viel Aufwand drei verschiedene Ausweichvarianten diskutiert. Letztlich bekamen wir doch die Platten von einer anderen Baustelle, sodass der Boden so aussieht wie ursprünglich geplant. Das hält auf. Wir wollen jedoch trotz allem an den gesteckten Terminen festhalten.“ Bisher scheint dieses Vorhaben zu gelingen.
 

Ausblick

Ende August 2021 soll die Filiale bereits übergeben werden, wenige Wochen später folgen dann die Wohnungen. Interessierte gibt es en gros. Das Mahlsdorfer Projekt ist ein Anfang, der Schule machen sollte. Allein in Berlin könnten auf den Dächern der Discounter und Baumärkte laut Studien bis zu 30.000 Wohnungen entstehen.
 

LIDL NEUBAU

© BG BAU

Autorin

Bärbel Rechenbach

Freie Baufachjournalistin


Ausgabe

BauPortal 3|2021