Best Practice Arbeitsschutz:
Neue Sicherheitskultur bei der STRABAG
Trotz aller Schulungen, Vorschriften und Maßnahmen bleibt die Zahl der Arbeitsunfälle im Baugewerbe hoch. Vor allem: Verhaltensänderungen bleiben aus. Genau hier setzt das Pilotprojekt der STRABAG Direktion Sachsen/Thüringen an – nicht mit Kontrolle und neuen Regeln, sondern mit einem Perspektivwechsel. Trotz aller Schulungen, Vorschriften und Maßnahmen bleibt die Zahl der Arbeitsunfälle im Baugewerbe hoch. Vor allem: Verhaltensänderungen bleiben aus. Genau hier setzt das Pilotprojekt der STRABAG Direktion Sachsen/Thüringen an – nicht mit Kontrolle und neuen Regeln, sondern mit einem Perspektivwechsel.
Die Sicherheitskultur auf Baustellen gilt in der Bauwirtschaft als hartes Pflaster. Viele Mitarbeitende empfinden Unterweisungen als bürokratische Pflicht, Sicherheitsvorgaben als störende Zusatzarbeit und Unfallstatistiken als abstrakte Zahlen. Auch bei STRABAG war diese Beobachtung Alltag. Trotz verschiedener Maßnahmen blieben die Unfallzahlen über Jahre hinweg stabil – oder sanken nur geringfügig. Noch bedeutsamer: Die Haltung vieler Mitarbeitenden auf den Baustellen blieb defensiv.
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Um das zu ändern, kontaktierte Erik Manfroni, Fachkraft für Arbeitssicherheit in der Direktion Sachsen/Thüringen, das Institut für Verhaltensökonomie (IfVoe) in Leipzig – und gemeinsam wurde ein Projekt konzipiert, das bewusst nicht auf Kontrolle, sondern auf Kommunikation setzte. Der Fokus lag auf der Mitwirkungsbereitschaft: Menschen sollten nicht zur Sicherheit gezwungen, sondern für sie gewonnen werden. Ziel war es, aus „Vorgabe von oben“ eine Bewegung „von innen“ zu machen. Die Mitarbeitenden auf den Baustellen wurden nicht als Empfänger, sondern als Träger der Sicherheitskultur begriffen.
Die drei Säulen der Veränderung
Das Projekt gliederte sich in drei große Maßnahmenbereiche, die jeweils auf unterschiedlichen Ebenen ansetzten – emotional, kognitiv und praktisch.
Emotional aktivieren – Bilder, Sprache und Zugehörigkeit
Dafür wurden persönliche Bilder der Mitarbeitenden gesammelt: Szenen vom Feierabend, von der Familie, vom Kleingarten oder dem Hobby. Diese Bilder wurden auf Tischaufstellern an den Pausenorten der Baustellen und in den Büros der Führungskräfte platziert – versehen mit dem Satz: „Damit wir heute Abend alle gesund nach Hause kommen.“ Dahinter stand eine klare Idee: Sicherheit sollte nicht mehr abstrakt oder normativ vermittelt werden, sondern konkret und persönlich. Das Resultat: Viele Teams begannen, freiwillig eigene Bilder nachzureichen, baten um zusätzliche Aufsteller. Plötzlich wurde aus einer Maßnahme ein Zeichen von Identifikation. Sicherheit war nicht länger nur „Chef-Sache“, sondern Ausdruck kollegialer Fürsorge.
Sichtbarkeit schaffen – Plakate, Postkarten, Sprachenvielfalt
Postkarten, die von den Führungskräften wie Direktions-, Bereichs- und Gruppenleitern unterzeichnet waren, wurden individuell an alle Mitarbeitenden versendet. Auf ihnen: klare, persönliche Botschaften und eine eindeutige Bildsprache, die sagt: „Komm gesund nach Hause – wir warten auf dich“. Die Resonanz war großartig. Viele Mitarbeitende hängten die Postkarten an den Kühlschrank oder das Pinnbrett. Parallel wurden diese Abbildungen als Bauzaunbanner entwickelt – grafisch stark, mit klarer Bildsprache. Sie ergänzten die eher generischen Hochglanzplakate durch authentische, alltagsnahe Motive.
Kompetenzen fördern – Schulung, Hospitation, Live-Assessment
Die dritte Maßnahme betraf gezielt die Poliere und Bauleiter. Ihnen wurde nicht einfach „mehr Verantwortung“ übertragen – sie wurden begleitet. Durch Schulungen, aber auch durch Hospitationen direkt auf der Baustelle. Zentral war die Frage: Wie führe ich eine Sicherheitseinweisung so durch, dass sie nicht nur verstanden, sondern auch akzeptiert wird? Ein besonderer Baustein war das sogenannte Live-Assessment – ein innovatives Format, das klassische Schulung mit realitätsnaher Anwendung kombiniert. Führungskräfte konnten ihre Kompetenz zum Führen von Gesprächen zur Unfallauswertung unter realitätsnahen Bedingungen überprüfen und erhielten direktes Feedback.
Live-Assessment
Im Rahmen einer Arbeitsschutzausschusssitzung auf einer Baustelle führte die Führungskraft ein Auswertungsgespräch zu einem echten Unfall mit dem "Verunfallten". Diese Rolle übernahm die Fachkraft für Arbeitssicherheit und das Gespräch wurde anschließend mit den anwesenden Verhaltenpsychologen ausgewertet. Denn Ziel dieser Gespräche ist nicht eine Schuldzuweisung, sondern das Heben von Verbesserungspotential und die Änderung der Einstellung zum Arbeitsschutz. Dabei wurden auf der Baustelle verschiedene eigens eingerichtete Situationen simuliert: ungesicherte Materialcontainer, unzureichende Wegekennzeichnung, fehlende Schutzmaßnahmen. Die Aufgabe der Führungskräfte und ASA-Teilnehmer bestand darin, in einer realitätsnahen Umgebung die Gefahrenquellen zu erkennen, korrekt anzusprechen und ihre Teams zu instruieren.
Verhaltensökonomie in der Baupraxis – was wirkt wirklich?
Das Projekt machte eindrucksvoll deutlich, was die Verhaltensökonomie seit Jahren beschreibt: Menschen ändern ihr Verhalten nicht, weil man es ihnen befiehlt – sondern, weil man ihnen den Weg erleichtert.
Im STRABAG-Projekt wurden dabei mehrere psychologische Mechanismen gezielt eingesetzt:
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Statt von Unfallvermeidung zu sprechen, wurde auf den positiven Zielzustand verwiesen: gesund nach Hause kommen. Das veränderte die Perspektive.
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Viele Bilder auf den Plakaten und Postkarten widersprachen dem Erwartbaren. Das lenkte Aufmerksamkeit, erzeugte Interesse – und öffnete für neue Inhalte.
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Wenn Kolleg:innen sich vor Sicherheitsplakaten fotografierten, entstand ein informeller Standard: „Bei uns gehört das dazu.“ Verhalten verändert sich oft nicht durch Appelle – sondern durch soziale Modelle.
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Kleine Aufkleber an kritischen Punkten, klare Claims, visuelle Reize. All das machte die Inhalte greifbar. Kein langer Vortrag – sondern ein prägnanter Impuls.
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Menschen, die Bilder einsenden, an Postkartenaktionen teilnehmen oder sich coachen lassen, sind keine Empfänger – sondern Akteure. Diese Haltung war zentral für den Projekterfolg.
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Die Maßnahmen waren niedrigschwellig. Ob WhatsApp-Botschaft, Tischaufsteller oder Bauzaunbanner – alles war schnell erfassbar, emotional anschlussfähig und alltagsnah.
Diese bewusst gesetzten psychologischen Wirkprinzipien führten dazu, dass aus einem klassischen Sicherheitsthema eine persönliche Relevanz entstand. Die alte Logik „Schutz durch Vorschrift“ wurde ersetzt durch „Sorge durch Beziehung“.
Fazit & Ausblick
Seit 2022 konnte die Unfallquote – gemessen an der Tausendmannquote (TMQ) – von 53 auf 37 gesenkt werden. Das entspricht einer Reduktion um rund 30 %. Doch diese 30 % sind keine abstrakte Zahl, sondern bedeuten: weniger Leid, weniger Unsicherheit, weniger Brüche, mehr Stabilität – für Mitarbeitende, für Familien und für das Unternehmen insgesamt. Darüber hinaus gibt es noch weitere Effekte.
Verhaltensänderung durch Mitwirkung: Die Mitarbeitenden wurden nicht überredet – sie wurden überzeugt. Die psychologische Verankerung, die emotionale Nähe und die Beteiligung machten den Unterschied.
Erzeugen und Stärken einer Sicherheitskultur: Hinweise auf unsicheres Verhalten sind keine Denunziation mehr, sondern Ausdruck kollegialer Sorge. Sicherheit ist nicht länger „das Ding vom Sicherheitsbeauftragten“, sondern ein Thema des Teams.
Das STRABAG-Projekt macht deutlich, wie dringlich ein Perspektivwechsel in der Sicherheitskultur ist – und wie wirkungsvoll psychologische Expertise dabei helfen kann. In einer Branche, die täglich mit Risiken, Zeitdruck und Fachkräftemangel kämpft, darf Arbeitssicherheit nicht nur als Pflichtaufgabe behandelt werden. Vielmehr zeigt sich: Sicherheit ist ein Kulturthema. Und Kultur entsteht dort, wo Kommunikation, Haltung und Alltagsverhalten ineinandergreifen.
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