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Gut organisierte Großbaustelle, jedoch sollte noch an der Absturzsicherung gearbeitet werden.
Gut organisierte Großbaustelle, jedoch sollte noch an der Absturzsicherung gearbeitet werden. | Bild: Karl-Heinz Noetel - BG BAU

Auf dem Weg zu Vision Zero - DGUV-Kooperation mit Indien

In Indien arbeiten über 90 % der Beschäftigten im sogenannten informellen Sektor, im Wesentlichen ohne jeglichen Sozialschutz. Diese prekäre Situation betrifft auch Deutschland als Indiens wichtigsten Wirtschaftspartner in der Europäischen Union und sechstwichtigsten Handelspartner weltweit.1 Unsichere und ungesunde Arbeitsbedingungen bedeuten mangelnde Sicherheit für Beschäftigte und zudem ungleiche Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen im internationalen Wettbewerb.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) unterstützt Indien gemeinsam mit der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) und der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) bereits seit zehn Jahren dabei, im Arbeits- und Gesundheitsschutz Sicherheitsbewusstsein, Sicherheitsstandards, Kompetenzen und Implementierungsstrategien zu verbessern.

Das internationale Engagement der DGUV ist seit vielen Jahrzehnten ein anerkannter und von der Selbstverwaltung der gesetzlichen Unfallversicherung bestätigter und gewünschter Aufgabenbereich der DGUV. In den Positionspapieren der Jahre 2008 und 2018 bekannte sich die Selbstverwaltung der gesetzlichen Unfallversicherung zum hohen Stellenwert der internationalen Arbeit der DGUV und ihrer Mitglieder, der Unfallversicherungsträger (UVT):

„Deshalb werden wir die internationalen Kooperationen fortführen, um weltweit ein dem EU-Standard vergleichbares Arbeitsschutzniveau zu entwickeln und um damit einen Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt und zu gleichen Wettbewerbsbedingungen zu leisten.“2

In Indien werden seit 2010 „Memoranda of Understanding (MoU)“ mit verschiedenen Institutionen als Grundlage für die Arbeit der DGUV abgeschlossen, u. a. mit dem Directorate General Factory Advice Service & Labour Institute (DGFASLI). Letzteres wurde 2018 verlängert und zudem in einem Kabinettsbeschluss der indischen Regierung befürwortet.3

Gut gesicherte Aufzugsöffnungen
Bild: Karl-Heinz Noetel - BG BAU

Aktivitäten der gesetzlichen Unfallversicherung

Die DGUV und die UVT engagieren sich in vielfältiger Weise in Indien: So wurde z. B. das Exzellenzzentrum zu Arbeits- und Gesundheitsschutz am Kalinga Institute of Industrial Technology (KIIT) gegründet. KIIT ist eine Universität in Bhubaneswar, die zusammen mit ihrer Partnerinstitution Kalinga Institute of Social Sciences (KISS) 54.000 Studierende zählt. DGUV, BG BAU und BG ETEM sind im Beirat des Exzellenzzentrums vertreten. Die Zusammenarbeit bezieht sich vor allem darauf, (strategische) Anstöße zu geben – von positiven deutschen Erfahrungen zu berichten, sich zu innovativen Ansätzen auszutauschen und diese zu fördern.

Darüber wird auch die Self-Employed Women’s Association (SEWA) bei der Umsetzung des „LifeLong Learning“-Konzepts unterstützt. SEWA ist eine Frauengewerkschaft mit über drei Millionen Mitgliedern – Frauen, die selbständig im informellen Sektor arbeiten. Nach dem „LifeLong Learning“-Konzept lernen die Kinder der Mitglieder spielerisch leicht über Prävention von (Arbeits-)Unfällen und vermitteln dieses neue Sicherheitsbewusstsein in ihren Familien.

Des Weiteren organisieren die DGUV und die UVT „Vision Zero“-Konferenzen und -Workshops zu Arbeits- und Gesundheitsschutz. Bisher wurden in acht indischen Staaten (Delhi, Maharashtra, Tamil Nadu, Odisha, Karnataka, Kerala, Madhya Pradesh, Gujarat) Konferenzen mit einer Teilnehmerzahl von je bis zu 1.500 Personen durchgeführt. Die Konferenzen finden in Kooperation und auf Anfrage des Arbeitsministeriums und der Industrieverbände eines Staats statt und werden bisher von fünf Präventionssektionen der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) unterstützt: Bauwirtschaft, Bergbau, Elektrizität, Information und Transportwesen.

Zehn Jahre deutsch-indische Kooperation der DGUV

Gruppenbild
Bild: Lara Krauße - BG BAU

Anlässlich der zehnjährigen Kooperation der DGUV mit Indien wurde am 29. Januar 2019 eine Jubiläumsveranstaltung in Berlin organisiert, an der u. a. (v. l. n. r) Dr. Avneesh Singh (Hauptgeschäftsführer, Directorate General Factory Advice Service Labour Institutes – DGFASLI), Prof. Dr. Joachim Breuer (bis 30. Juni 2019 Hauptgeschäftsführer der DGUV), Prof. Karl-Heinz Noetel (Leiter der Stabsabteilung PSA und Kooperationen DGUV und BG BAU), Heeralal Samariya (Staatssekretär im indischen Arbeitsministerium), Dr. Rolf Schmachtenberg (Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales), Dr. Jens Jühling (Präventionsmanager, BG ETEM) teilnahmen.

Einweihung des Focal Indo-German Focal Point
Bild: Karl-Heinz Noetel - BG BAU

Daneben organisiert die BG BAU auch Trainings zu Vision Zero und hat 2019 zum ersten Mal ein „Train the Trainer“-Programm zu Vision Zero in Mumbai durchgeführt. Diese ausgebildeten Trainer können sich dann auch auf der Webseite als Trainer registrieren lassen. Aktuell gibt es ein Dutzend „Vision Zero“-Trainer in Indien.

Aber auch Gastvorträge bei Veranstaltungen zur sozialen Sicherheit, Arbeits- und Gesundheitsschutz gehören zum Engagement der DGUV und UVT. So hielt beispielsweise Prof. Karl-Heinz Noetel einen Vortrag auf der 25-jährigen Jubiläumsveranstaltung der Social Security Association of India (SSAI). Die SSAI spielt in Indien eine wichtige Rolle und gibt Empfehlungen an die Politik ab.

Vision Zero

Die Vision Zero ist die Vision einer Welt ohne Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen. Höchste Priorität hat dabei die Vermeidung tödlicher und schwerer Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten. Eine umfassende Präventionskultur hat die Vision Zero zum Ziel. Bereits 2008 hat die DGUV in ihrer Präventionsstrategie das Ziel verankert, Arbeits- und Lebenswelten so zu gestalten, dass niemand mehr getötet oder so schwer verletzt wird oder beruflich bedingt erkrankt, dass ein Schaden entsteht.

Mehr Infos unter http://visionzero.global/de

Positive Auswirkungen des Engagements

Bei regelmäßigen Gesprächen mit dem indischen Arbeitsministerium sowie den Arbeitsministerien der indischen Bundesstaaten bringen die DGUV und die UVT die deutschen Arbeitsschutzstandpunkte und -erkenntnisse ein. Diese Austausche werden sehr positiv aufgenommen, sodass die deutsch-indische Kooperation zu Arbeitsschutz und Gesundheit über einem Kabinettsbeschluss befürwortet wurde.4

Als unmittelbaren Effekt der Workshops und Gespräche zur Prävention von Arbeitsunfällen auf dem Bau lässt sich hervorheben, dass die Regierung des Bundesstaats Maharashtra bereits 2011 neue Arbeitsschutzbestimmungen eingeführt hat, die u. a. Richtlinien für den Bausektor vorschreiben. Diese Richtlinien orientieren sich an den Präventionsvorschriften der deutschen Unfallversicherung im Baubereich.5

Nach der Durchführung von sechs „Vision Zero“-Konferenzen in Indien haben sich bereits mehr als 120 Unternehmen und Institutionen in Indien als „Vision Zero“-Unternehmen auf der Webseite der Kampagne registriert. Diese wenden intern die 7 goldenen Regeln an, um die Sicherheit, Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden zu verbessern.

»Mehr als 120 Unternehmen und Institutionen in Indien haben sich als ‚Vision Zero‘-Unternehmen registriert.«
.

Im Rahmen dieser Konferenzen konnten sich deutsche Unternehmen mit indischen Institutionen, Behörden sowie Unternehmen vernetzen und so ihre Geschäftsbeziehungen mit Indien vorantreiben. Darüber hinaus werden durch die vom Exzellenzzentrum initiierten Forschungsprojekte zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz auch statistische Daten zum nationalen und internationalen Vergleich erhoben.

Die Rolle des Indo-German Focal Point

Mit der steigenden Anzahl der Indienaktivitäten sind auch die personellen und zeitlichen Anforderungen gestiegen. Daher hat die DGUV, unter besonderer Beteiligung der BG BAU und der BG ETEM, seit Januar 2017 eine deutsch-indische Koordinationsstelle zu Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und sozialer Sicherheit – Indo-German Focal Point (IGFP) – in Indien eingerichtet. Dieser wurde offiziell anlässlich der Internationalen „Vision Zero“-Konferenz in Delhi im März 2017 eingeweiht.

Im November 2017 wurde das neue Büro und Trainingszentrum des IGFP in Bhubaneswar eingeweiht. Mittlerweile zählt der IGFP mehrere Mitarbeiter, die Aktivitäten landesweit und nachhaltig bearbeiten können, sowie eine eigene Webseite unter www.indogermanfocalpoint.com.

Der IGFP unterstützt vor Ort bei der Vorbereitung gemeinsamer Veranstaltungen sowie der Kontaktanbahnung interessierter Stellen zur DGUV und deren Mitgliedern und bietet sowohl in seinen eigenen Räumen als auch in den anfragenden Institutionen oder Unternehmen selbst Workshops zu sozialer Sicherheit, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz an.

Die Koordinationsstelle engagiert sich insbesondere für die Umsetzung von Vision Zero in Indien. Ziel ist es, das „Vision Zero“-Konzept in allen 29 indischen Bundesstaaten und sieben Unionsterritorien zu verbreiten. Dabei ist vor allem der Austausch der Ansprechpartner der Bundesstaaten untereinander zu Themen des Arbeitsschutzes sowie der sozialen Sicherung im Fokus.

Leider sieht es auf Baustellen in Indien oft noch so aus. Um so wichtiger ist es, den Präventionsansatz mit Nachdruck zu verfolgen.
Bild: Karl-Heinz Noetel - BG BAU
Großes Interesse von der indischen Seite bei allen Konferenzen.
Bild: Karl-Heinz Noetel - BG BAU

Erste Erfolge

Kooperationsgespräche des IGFP in den Arbeitsministerien von 13 indischen Bundesstaaten haben bereits Früchte getragen. Neben zahlreichen Workshops haben sechs dieser Staaten „Vision Zero“-Konferenzen organisiert und drei weitere sind in Planung. Zukünftig plant der IGFP, in Kooperation mit den Arbeitsministerien der indischen Staaten ein „Vision Zero India“-Programm aufzubauen, um Sensibilisierungsaktivitäten durchzuführen, Forschung und „Vision Zero“-Netzwerke in Indien zu fördern sowie entsprechende Fortbildungen anzubieten.

Besonders erwähnenswert ist das Programm „Building and other Construction Workers’ Welfare Boards“ des Arbeitsministeriums in Gujarat. Im Rahmen dieses Programms konnten sich die Arbeiter für die Welfare Boards (als Sozial- und Unfallversicherung) mit einer Eigenerklärung registrieren, wodurch die Mitgliedszahlen stark gestiegen sind.

Inspiriert durch das International Media Festival for Prevention hat der IGFP erstmalig einen ähnlichen Wettbewerb 2019 in Indien organisiert. Im Rahmen einer Konferenz wurden die Gewinner des Indian Safety Song and Video Contest 2019 für die drei besten Produktionen zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz indischer Produzenten prämiert – unterstützt von der DGUV.

Nach der erfolgreichen Umsetzung des „LifeLong Learning“-Konzept durch SEWA interessieren sich auch andere Organisationen und Institutionen für das Projekt, z. B. People’s Cultural Centre (PECUC) und KIIT. Der IGFP promotet das Projekt bei all seinen Kooperationsgesprächen in den Arbeitsministerien, in Kindergärten und Grundschulen. Außerdem setzt sich der IGFP beim Ministerium für Humanressourcenentwicklung dafür ein, dass Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz Teil des Schulcurriculums werden. Somit würde das Projekt auch auf nationaler Ebene nachhaltig umgesetzt werden. In einer Schule war er damit bereits erfolgreich: In der Vivekananda-Schule in Bhubaneswar ist „Arbeits- und Gesundheitsschutz“ im Herbst 2019 als Schulfach eingeführt worden.

Fußnoten
1
Siehe Länderinformation Auswärtiges Amt, Indien, www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/indien-node.
2
„Prävention lohnt sich: Die Position der Selbstverwaltung der gesetzlichen Unfallversicherung zur Prävention.“ DGUV, Leitlinien und Umsetzung, 2008; hier: Leitlinie 11.
3
„Cabinet nod for India-Germany MoU for occupational safety and health.“ Business Standard, New Delhi, 07. März 2019.
4
„Cabinet nod for India-Germany MoU for occupational safety and health.“ Business Standard, New Delhi, 07. März 2019.
5
DGUV Forum 7–8/12.
Autor

Prof. Karl-Heinz Noetel

Stabsabteilung PSA und Kooperationen DGUV


Ausgabe

BauPortal 1|2020