Bildquelle: Bärbel Rechenbach

EDGE Suedkreuz – ein imposantes Sehnenviereck in Holz-Hybrid

Verdichtung in der Großstadt heißt, sich an vorhandene Geometrien anzupassen und clever mit Enge umzugehen. Wie das mit innovativen gestalterischen Lösungen umgesetzt werden kann, zeigt der Bauprojektentwickler EDGE Technologies GmbH unmittelbar neben dem Bahnhof Berlin-Südkreuz. Hier entsteht der neue Verwaltungskomplex der deutschen Vattenfallzentrale „EDGE Suedkreuz“.

 

Planung Bauvorhaben EDGE Suedkreuz
Bildquelle: ARGE SXB, Suedkreuz Berlin

 

Nach dem EDGE East Side, EDGE Grand Central am Hauptbahnhof setzt der Bauherr nun ein weiteres seiner speziellen Gebäude in die Hauptstadt. Der gestalterische Entwurf passt genau ins städtebauliche Konzept des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Das lange vernachlässigte Transitquartier „Schöneberger Linse“ soll mit baulichen Höhepunkten wiederbelebt werden.

 

Stahlbetonkonstruktion als Auflager für die Holz-Hybrid-Deckenplatten
Bildquelle: Bärbel Rechenbach

 

Holz-Hybrid-Bau auf engstem Raum

Auf einer 10.000 m2 großen Brache zwischen Bahnhof Südkreuz, Parkhaus, Sachsendamm, Hildegard-Knef-Platz und Hedwig-Dohm-Straße wächst der Rohbau trotz Corona zügig in die Höhe. Jeder Meter auf der Baustelle hat seine Funktion, ist logistisch genau berechnet. Angeliefert und gelagert wird nur das Material, das technologisch für den Einbau gerade benötigt wird, und liegt auf Abruf nummeriert bereit. Bauteams arbeiten in abgestimmten Schichten je nach Holz- oder Betonbau.

Stephan Töpper von der EDGE-Projektleitung und Ingo Hiller, Oberbauleiter der ARGE SXB, haben vom gegenüberliegenden Baucontainer alles genau im Blick – und im Griff. Stephan Töpper, der viele Jahre im In- und Ausland Projekte bewältigte, ist spürbar stolz auf dieses Berliner Vorhaben: „Mit über 30.000 m2 oberirdische Geschossfläche auf engem Raum wurde eine Holz-Hybrid-Konstruktion in Deutschland noch nicht gebaut – insbesondere als Sehnenviereck vom Grundriss her. Deshalb haben wir uns für ein Bauwerk dieser Größenordnung schon in sehr früher Planungsphase erfahrene Partner wie die Cree Deutschland GmbH und Rhomberg Systemholzbau GmbH an die Seite geholt. Im Zusammenschluss mit der ZECH Bau SE aus Bremen realisieren diese drei Unternehmen als ARGE SXB dieses Bauvorhaben.“

 

Bildquelle: ARGE SXB, Suedkreuz Berlin

 

Atrium mit Trees und Open Space

Der Gebäudekomplex im Carré integriert zwei freistehende Gebäude (MK1 und MK2) mit je sieben oberirdischen Geschossen und Tiefgaragen im Untergeschoss. Den Mittelpunkt des MK2 bildet ein ca. 26 m hohes überdachtes Atrium. Überspannt wird das Ganze mit Holzleimbinder gestütztem Folienkissen auf etwa 1.600 m2 Fläche. Gemeinsam mit umlaufenden raumhohen Geschossfenstern sorgt dies für viel Tageslicht im gesamten Gebäude. Eyecatcher und Highlight des Atriums sind zweifelsohne die vier in der Höhe abgestuften, bis zu 15 m hohen baumartigen Plattformen, auch „Trees“ genannt. Sie sind mit Treppenkonstruktionen untereinander und ebenso mit angrenzenden Geschossen verbunden. Materialien wie Schallschutzputz, schallabsorbierende Dämmung der Treppenkonstruktionen oder auch die Holzverkleidung der „Trees“ sorgen für einwandfreie Akustik. Unterschiedliche Open-Space-Lösungen sollen später viel Platz für Kommunikation und kreatives, mobiles Arbeiten bieten. Aber auch an Ruheräume, Personalkantine, E-Mobilität oder Fahrradplätze mit Ladestationen ist gedacht. Stephan Töpper: „Wir führen mit all diesen Maßnahmen unsere EDGE-Philosophie fort, nachhaltige Bauwerke zu schaffen, welche die CO2-Emission signifikant reduzieren, beispielsweise durch Verwendung von Holz statt Stahlbeton. Aber auch der spürbar geringere Einsatz von Energie für den Betrieb des Gebäudes mittels geeigneter Materialien und ‚intelligenter Technologie‘ hilft dabei. Rundum soll sich jeder am Arbeitsplatz wohlfühlen. Um dies sicherzustellen, haben wir in dieses Projekt die Vorgaben der DGNB, Platin als auch WELL, Core v2 (Gold) aufgenommen, sind bereits vorzertifiziert und somit auf dem besten Weg.“

 

Perspektive des Atriums (Visualisierung)
Bildquelle: ARGE SXB, Suedkreuz Berlin
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Visualisierung Atrium mit "Trees"
Bildquelle: ARGE SXB, Suedkreuz Berlin
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Holz-Hybrid – gründlich vorgedacht

Zu den Komponenten der Smart EDGE Technologies im Gebäude gehören Sensoren, die den Wünschen des Nutzers folgend, das Raumklima, wie z. B. Wärme, Kälte, Beleuchtung und Luftqualität, regeln. Die hierfür erforderliche Sensorik ist in die Heiz-Kühl-Deckenelemente integriert. Das bedeutet: Vorfertigung auf höchstem Niveau.

Die Wand- und Deckenelemente basieren auf dem patentierten CREE – einem modularen Holz-Hybrid-System – des österreichischen Unternehmens Rhomberg Ventures. ZECH Building SE erwarb die Lizenz und setzt die zukunftsträchtige Bauweise jetzt auch in der ARGE SXB um. Alle Fassadenelemente und deren Stützen, Deckenbalken und Fensterrahmen der übererdigen Baugeschosse bestehen aus zertifiziertem Nadelholz und sollen so den Betonverbrauch vergleichsweise zu konventionellen Bauten um zwei Drittel senken. Eine Lösungsidee dazu war, die Decken als 6 cm bis 10 cm dünne Stahlbetonplatte mit darunterliegenden Holzbalken als Aussteifung zu fertigen. Herkömmliche Stahlbetonbauten besitzen in der Regel 20 cm dicke Decken. Die Holz-Hybrid-Deckenplatten entstehen mithilfe einer speziellen Stahlbetonkonstruktion, deren Elemente rechtwinkelig zur Konstruktionsachse links- und rechtsseitig aufgelegt werden. Die fassadenseitige Auflage dieser Deckenelemente erfolgt auf zuvor gestellten Holz-Multibox-Fassadenelementen mit einer Breite von bis zu 12 m.

 

Deckenkonstruktion mit Regenwasserableitung
Bildquelle: Bärbel Rechenbach

 

Außergewöhnlich für das siebengeschossige Holzgebäude ist ebenfalls, dass es in der Fläche ohne Sprinkleranlage auskommt. Eigens dafür entstanden Holzaußenfassaden, verblendet mit einem nicht brennbaren Betonfaserverbundsystem. Flächen mit Brandschutzwänden und Fluchtwegen sowie Elemente der Feuerwiderstandsklasse F90 und Rauchschutz wurden genau definiert.

Holzbalken und -stützen sind so dimensioniert, dass bei Abbrand vorgegebene Zeitfenster ohne Funktionseinschränkungen eingehalten werden.

Stephan Töpper versichert: „So eine flächenmäßig riesige modulare Holz-Hybrid-Konstruktion umzusetzen, erfordert von allen Beteiligten ein Umdenken und Disziplin. Denn alles, was hier auf der Baustelle technologisch abläuft, ist bis in den kleinsten Durchbruch vorgedacht und geplant. Während des Bauablaufs lässt sich daher technologisch kaum mehr etwas verändern.“

 

Holz-Hybrid-Konstruktion
Bildquelle: Bärbel Rechenbach

 

BIM und hoher Vorfertigungsgrad

Als erfahrener Oberbauleiter der ARGE kennt Ingo Hiller sowohl die Vorzüge als auch die Herausforderung dieser schnellen und wirtschaftlichen Bauweise: „Decke, Fassade, Stützen oder Erschließungskern werden standardisiert vorgefertigt, nummeriert und teilweise zwischengelagert im Umland von Berlin. Sie müssen dann auf der Baustelle lediglich noch an entsprechender Stelle montiert werden. Das ist umweltgerecht, mindert Lärm und Staub für Anwohner, spart Zeit und dem Bauherrn Geld. Andererseits erfordert die Holz-Hybridkonstruktion einen deutlich höheren Planungsaufwand. Das LCT-System (Life Cycle Tower System) erleichterte uns, den Betrieb und Lebenszyklus dieses Gebäudes schon vor Baubeginn genau zu planen und zu strukturieren.“

Fachplaner wurden frühzeitig in die Prozesse einbezogen und entwickelten bereits vor Baubeginn, z. B. im offenen BIM-Modell, einen „digitalen Zwilling“. Sie entwickelten u. a. einzigartige Platten mit der Kontur eines Sehnenvierecks, die der Gebäudelinie parallel zur Straße verlaufend entsprechen. Das war genauso neu wie der geforderte extrem hohe Vorfertigungsgrad in den Firmen.

„Da mussten Betonwerker teilweise auch wie Holzbauer denken und eine Feinmotorik entwickeln, wenn es beispielsweise um das saubere Einbringen der Holzbalken in den Betonguss ging“, berichtet Ingo Hiller weiter. „Die Firmen mussten ihre Produktion auf täglich unterschiedlichen Bedarf ausrichten. Wenn üblicherweise an einem Tag bestimmte Stückzahlen einer Modulserie hergestellt wurden, waren das in unserem Fall unterschiedliche für eine Geschossfläche. Das braucht viel Verständnis.“

 

Brandschutz und Sicherheit

Wo mit Holz gebaut wird, gelten sowohl für Materialien als auch für Bauteams strenge Sicherheits- und Brandschutzregeln. Aufgrund der Vorfertigung arbeiten zwar weniger Bauteams als üblich auf der Baustelle, dennoch steht auch hier Sicherheit für jedes Einzelne an erster Stelle. Auf der gesamten Baustelle herrscht deshalb z. B. striktes Rauchverbot, befinden sich auf jeder Etage Feuerlöscher. Dazu finden regelmäßig Unterweisungen, Absprachen zur jeweiligen Taktabfolge oder zur präzisierten Baustellenordnung statt. Ebenso Kontrollen der Bauüberwachung gemeinsam mit dem SiGeKo und der Berufsgenossenschaft. Beschilderung und Pläne der Fluchtwege sind sichtbar angebracht. Absturzsicherungen wie FreeFallcon wurden installiert, um sämtliche Gefährdungen für die Monteure auszuschließen.

Im Umfeld der Baustelle herrscht zudem täglich reger Verkehr an Bahn- und Busbahnhof. Fußgängerschutzgänge helfen beim sicheren Passieren der Wege. Da die vorgefertigten bis zu 12 m breiten Fassadenelemente mit integrierten Holzstützen, verglasten Fenstern, Verkabelung, Einbruch- und Schallschutz komplett per Schwerlaster angeliefert werden, wurde eine Umfahrungsstraße mit fünf verschiedenen Lieferzonen eingerichtet, damit der Stadtverkehr nicht beeinträchtigt wird.

Mit „EDGE-Suedkreuz“ verwirklicht das Unternehmen wieder eines seiner kühnen Pilotprojekte. Es zeigt, wie gut Holz als Baustoff auch bei großvolumigen Vorhaben funktioniert und für größere Städte immer attraktiver wird. Das hat auch der Berliner Senat begriffen und beschloss einen weiteren EDGE-Holz-Hybrid-Bau am Halleschen Ufer.

 

Bauaufgabe:
Neubau des Verwaltungskomplexes der deutschen Vattenfallzentrale „EDGE Suedkreuz“


Bauherr:
SXB 1 S.á r.l. und SXB 2 S.á r.l., Luxembourg­­


Bauprojektentwickler:
EDGE


Bauausführung:
ARGE SXB, Berlin Südkreuz (Techn. und Kfm. Geschäftsführung ZECH Bau SE NL Berlin)

 

Um Arbeitsunfälle zu vermeiden, wurden folgende Maßnahmen ergriffen:

→ Absturzsicherungen und Absperrungen

→ Abdeckungen

→ Seitenschutz bei horizontalen sowie geneigten Flächen

→ Laufbrücken

→ Lastverteilende Beläge

→ Arbeitsgerüste und Schutznetze

→ Hubarbeitsbühnen und Leitern

→ Zugangs- und Positionierungsverfahren unter Verwendung von Seilen

→ Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz

 

Autor

Ausgabe

BauPortal 4|2020