Unterstützung auf dem Weg zu einer nachhaltigen Prävention

In vielen afrikanischen und asiatischen Ländern sind die Arbeitsbedingungen in den Fabriken ebenso wie die Rahmenbedingungen für eine angemessene soziale Absicherung weit entfernt von internationalen Standards. Diese prekären Lebensbedingungen haben sich in diesen Ländern durch die aktuelle Covid-19-Pandemie noch einmal drastisch verschärft, wodurch die Notwendigkeit des internationalen Engagements der deutschen Unfallversicherung mehr denn je unterstrichen wird.

Prävention_Bangladesch
Bildquelle: GIZ

Die niedrigen Standards in vielen asiatischen Ländern hinsichtlich Arbeitsbedingungen und sozialer Absicherung bedeuten, dass die Beschäftigten neben mangelnder Sicherheit oftmals auch ungesunden und unsicheren Bedingungen bei der Arbeit ausgesetzt sind, verbunden mit einer – im Vergleich zu westlichen Gesellschaften – großen Ungewissheit für das eigene Wohlergehen und das ihrer Familien. Verstärkt wurde diese prekäre Situation in vielen Ländern durch die aktuelle Covid-19-Pandemie, durch die die Nachfrage und die Produktion von Konsumprodukten stark zurückging und die zur existenziellen Bedrohung für viele Menschen wurde.

Besonders hart traf es Bangladesch, das zum einen erheblich von der westlichen Nachfrage abhängig ist und zum anderen zu den wenigen Ländern der asiatischen Region gehört, in denen selbst die formell Beschäftigten nicht in ein System der sozialen Absicherung eingebunden und damit gegen unterschiedliche Lebensrisiken abgesichert sind.

Deshalb war es besonders wichtig, dass sich die deutsche Unfallversicherung gerade hier für bessere Bedingungen engagierte. Zwar hat sich seit dem Unglück von Rana Plaza im April 2013 einiges zum Positiven geändert, nach wie vor ist es aber immer noch ein weiter Weg zu international vergleichbaren Standards.

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Die internationale Arbeit der DGUV

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) unterstützt seit einigen Jahren gemeinsam mit der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU), der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) Bangladesch – neben weiteren Ländern in Afrika und Asien – dabei, die Arbeitsbedingungen in den Fabriken vor Ort zu verbessern und die nationalen Standards zur Vorbeugung und Behandlung von Berufskrankheiten, zur Vermeidung von Unfällen und deren Folgen sowie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen – insbesondere in den Textilfabriken – weiterzuentwickeln.

Durch diese Arbeit und die damit verbundene Stärkung der entsprechenden Institutionen leistet die DGUV einen wesentlichen Beitrag dazu, die Rahmenbedingungen für Millionen von Familien zu stärken, und unterstützt damit auch den Ausbau nachhaltiger Lieferketten im Sinne des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Erfolgreiche Kooperation

Aufseiten der DGUV und ihrer Mitglieder, der Unfallversicherungsträger (UVT), hat das internationale Engagement seit vielen Jahren einen hohen Stellenwert, der auch von der Selbstverwaltung der gesetzlichen Unfallversicherung explizit gewünscht ist. Insofern ist es sehr erfreulich, dass die Kooperationspartnerschaft mit der GIZ gerade in den letzten Jahren in Projekten wie Bangladesch, aber auch in Nepal, Nigeria, Tansania, Äthopien und anderen asiatischen und afrikanischen Ländern immer weiter ausgebaut werden konnte. Denn gemeinsam mit den nationalen Regierungen weltweit arbeitet die GIZ durch ein über Jahrzehnte gewachsenes Netz an Kooperationspartnern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft an wirksamen Lösungen, die Menschen Perspektiven bieten und deren Lebensbedingungen dauerhaft verbessern.

Fokus der Projekte

Während der Schwerpunkt der Zusammenarbeit zwischen der GIZ und der DGUV in Bangladesch aktuell auf dem Aufbau eines nationalen Instituts für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz und der Durchführung eines Pilotprojekts zum Aufbau einer Unfallversicherung liegt, ist der Fokus des Projekts beispielsweise in Nepal die Etablierung einer IT-gestützten Infrastruktur des nepalesischen Gesundheitssystems mit Schwerpunkt auf Arbeits- und Gesundheitsschutz, um die dortige Unfallversicherung effektiv zu verankern.

Aktivitäten der DGUV und der UVT in Bangladesch

Wer die Dokumentation „Eisenfresser“ über die Arbeitsbedingungen auf dem Abwrackplatz für Containerschiffe in Chittagong im Süden Bangladeschs oder die Folge der Netflix-Dokumentation „Bildschöne Welt“ mit Orlando Bloom gesehen und die Bilder des Einsturzes von Rana Plaza aus dem Jahr 2013 noch vor Augen hat, der kann sich eine Vorstellung davon machen, wie es in vielen Industrien in Bangladesch um die Arbeitsbedingungen derjenigen Menschen bestellt ist, die zu sehr geringen Löhnen Lifestyle- und andere Produkte herstellen, die für viele von uns zu einem selbstverständlichen westlichen Alltag gehören. Und hat gleichzeitig einen Eindruck davon, wie wichtig ein effektiv verankerter Präventionsansatz für die Gesellschaft und Wirtschaft in Bangladesch ist.

Präventionsansatz entwickeln und verankern

Um diesen Präventionsansatz mit Nachdruck zu verfolgen, engagieren sich die DGUV, die UVT und die GIZ in vielfältiger Weise in Bangladesch. Im Zentrum des Engagements steht das Bestreben zum Aufbau einer Unfallversicherung für Bangladesch, wie es 2019 in der Berliner Erklärung für Bangladesch verankert worden ist.

Die DGUV unterstützt Bangladesch
bei der Verankerung
eines Präventionsansatzes
Die DGUV unterstützt Bangladesch bei der Verankerung eines Präventionsansatzes
Bildquelle: GIZ

Im September war eine hochrangige Delegation aus Bangladesch, angeführt von Arbeitsstaatssekretär Ali Azam, zu Gast bei der DGUV in Berlin und Dresden. An den Gesprächen nahmen Vertreter der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und des BMZ teil. Zum einen wurde dabei eine Zwischenbilanz gezogen seitens des GIZ-Projekts zum Aufbau einer Unfallversicherung in Bangladesch. Zum anderen wurde zum Abschluss der Gespräche die Berliner Erklärung verabschiedet, in der sich die Vertreter der bangladeschischen Regierung dazu bekennen, eine Unfallversicherung im Rahmen eines Pilotprojekts einzuführen. Nachdem der Schwerpunkt der Zusammenarbeit bis Herbst 2019 auf einem strukturierten Wissenstransfer der DGUV und der UVT lag, in den auch andere Länder wie beispielsweise Dänemark oder die Niederlande eingebunden waren, liegt mit der Verabschiedung der Berliner Erklärung der Fokus auf der praktischen Umsetzung – ein großer Erfolg für alle Beteiligten und ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zu einer fest verankerten Unfallversicherung im Textilsektor Bangladeschs.

Berlin Declaration Sign
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Return-to-Work-Koordinatoren

Auch eine langfristige medizinische Rehabilitation, als ein Teilbereich der Unfallversicherung, ist in Bangladesch bisher nicht gesetzlich geregelt. Daher bieten die DGUV und die GIZ den Textilfabriken die Durchführung eines Kurses zu „Return to Work“-Koordinatoren an, der gemeinsam mit Vertretern von bangladeschischen Trainingsinstituten entwickelt wurde. Mittlerweile wurden diese Koordinatoren in mehr als 100 Fabriken ausgebildet und unterstützen seither verunfallte Mitarbeiter bei der Wiedereingliederung in den eigenen Betrieb.

Aufbau eines Trainings- und Forschungszentrums

Darüber hinaus unterstützt die DGUV das Arbeitsministerium (Ministry of Labour and Employment) der Volksrepublik Bangladesch sowie die nachgeordnete Arbeitsinspektionsbehörde (Department of Inspection for Factories and Establishments, DIFE) beim Aufbau eines National Occupational Health and Safety Training & Research Institute (NOHSTRI).

Ziel dieses Vorhabens ist es, bis Anfang 2021 schrittweise ein nationales Trainings- und Forschungszentrum aufzubauen, um erstens durch gezielte präventive Schulungen – so sind beispielsweise spezifische ergonomische Schulungen für Textilarbeiter geplant – die Arbeitsbedingungen konkret zu verbessern. Zweitens sollen Multiplikatoren in den Fabriken ganz gezielt qualifiziert werden – beispielsweise in allgemeinen Sicherheitsvorschriften für die Baubranche. Und drittens sollen perspektivisch auch Forschungsprojekte durchgeführt werden, um den Präventionsansatz in den kommenden Jahren noch stärker in den verschiedenen Industrien zu verankern – in engem Austausch mit vergleichbaren Einrichtungen in Europa und anderen asiatischen Ländern wie Sri Lanka oder Singapur. In diesem Zusammenhang fand im Herbst vergangenen Jahrs auch ein Besuch einer Delegation aus Bangladesch im Arbeitsschutzzentrum Haan statt, der von vielen anregenden Diskussionen begleitet wurde und bei dem auch einige Ansätze besprochen worden sind, die nun in Bangladesch umgesetzt werden.

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Beamte des Factory Inspection Department (DIFE) in Bangladesh begutachten die Infrastrukturarbeiten der OHS-Institution in Rajshahi.
Bildquelle: GIZ

App für Arbeits- und Gesundheitsschutz

Wie in vielen anderen Ländern ist auch in Bangladesch das Potenzial groß, neue, digitale Gesundheitslösungen einzusetzen, um die Arbeitsbedingungen und den Gesundheitsstand der Beschäftigten in den Betrieben zu verbessern bzw. durch geeignete präventive Maßnahmen zu unterstützen, gerade auch unter dem Vorzeichen der Bekämpfung der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie. Um dieses Potenzial zu erschließen, arbeitet die DGUV zusammen mit der GIZ, dem BMZ sowie politischen und wirtschaftlichen Partnern in einer Art Modellprojekt für Bangladesch aktuell daran, eine App zu entwickeln, die sowohl den Corona-Gesundheitsschutz in den Textilfabriken des Lands verbessern als auch einen Beitrag dazu leisten wird, langfristig den Arbeitsschutz in den Fabriken und den Gesundheitsschutz der Textilarbeiter zu verbessern. Darüber hinaus könnte diese App, die multilingual angelegt sein wird und sukzessive um weitere Präventionsinhalte ergänzt werden soll, ab 2021 auch in anderen Ländern zum Einsatz kommen und einen Beitrag dazu leisten, internationale Lieferketten über Bangladesch hinaus nachhaltiger zu gestalten.

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Bügelabteilung in einer Textilfabrik
Bildquelle: GIZ
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Kontrolle der Zuschnitte
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Covid-19-Ausblick auf das Engagement der GIZ und DGUV

Ähnlich wie die GIZ, die weltweit in den verschiedensten Projekten einen großen Beitrag dazu leistet, die Pandemie und ihre Folgen zu bekämpfen, hat sich die DGUV nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern der Welt durch ihre Kernkompetenz im präventiven Gesundheitsmanagement mit dem Fokus auf Arbeits- und Gesundheitsschutz als starker Partner in der Eindämmung der Pandemie erwiesen. Damit einher geht eine offene Diskussion zu der Frage: Wie können DGUV und UVT ihre Kernkompetenz im präventiven Gesundheitsschutz in Deutschland und der Welt noch stärker dafür einsetzen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen gerade unter dem Eindruck der aktuellen Pandemie zu verbessern?

Die Antwort auf diese zentrale Frage sollte sich auf der einen Seite verstärkt der digitalen Möglichkeiten unserer Zeit bedienen – wie das Beispiel der Entwicklung einer entsprechenden App für Bangladesch zeigt – und auf der anderen Seite in einem Mehr an internationaler Kooperation auf allen Ebenen liegen – auch hierzu bietet eine App, wie sie für Bangladesch vorgesehen ist, großes Potenzial.

Klaus Schwab, der Gründer des World Economic Forum, bringt es in seinem aktuellen Buch „The fourth industrial revolution“ auf den Punkt: „It is, therefore, critical that we invest attention and energy in multistakeholder cooperation across academic, social, political, national and industry boundaries.“

Autor

Jakob Kort

BG BAU
Abteilungsleiter Organisation


Ausgabe

BauPortal 3|2020