Abbruch- und Recyclingtechnik

Revitalisierung der ehemaligen Kistner-Kalksandsteinfabrik

Altlasten, Denkmalschutzauflagen, sanierungsbedürftige Uferbefestigungen und besondere Baugrundverhältnisse erschwerten Rückbau und Abbruch der Bausubstanz.

 

Außenansicht Kistner-Fabrik
Bildquelle: Bruun & Möllers Landschaftsarchitekten

Seit 1880 wurde das Gelände in Bremerhaven als Standort der Kalksandsteinfabrik Kistner genutzt. Seit der Insolvenz im Jahr 2005 lag das Grundstück brach. Die ehemalige Industriefläche soll zu einem Wohngebiet mit angeschlossenem Supermarkt und Hostel mit Freizeitmöglichkeiten entwickelt werden. Rückbau und Abbruch der Bausubstanz erforderten die Einhaltung zahlreicher Auflagen, z. B. wurden der Schornstein und Teile der Fabrik aufgrund des kulturellen Stellenwerts unter Denkmalschutz gestellt. Zudem erforderten Gebäudeschadstoffe wie etwa Asbest eine aufwändige Schadstoffsanierung.

Das Kistner-Gelände befindet sich am südlichen Rand des Stadtteils Lehe in Bremerhaven. Bei dem denkmalgeschützen Gebäude handelt es sich um eine der ersten Kalksandsteinfabriken im deutschen Raum. Bis zu ihrer Insolvenz im Jahr 2005 prägte die Kistner-Kalksandsteinfabrik maßgeblich das Baugeschehen in der Region.

Nachdem das Gelände lange Zeit brach gelegen hatte, beschloss man, das Areal zu revitalisieren. Seitens der Stadt gab es erhebliche Schwierigkeiten, das Gelände einer neuen Nutzung zuzuführen. Grund hierfür waren u. a. eine Altlastenbelastung der Fläche, das Vorhandensein von Kampfmittelverdachtsflächen, erhöhte Erhaltungsauflagen des Denkmalschutzes, ein erheblicher Sanierungsbedarf der Uferbefestigung sowie schwierige Baugrundverhältnisse.

 

Entwurf der neuen Kistner Kalksandsteinfabrik
Bildquelle: Bruun & Möllers Landschaftsarchitekten
Lagekarte Kistner-Fabrik
Bildquelle: Bruun & Möllers Landschaftsarchitekten

Revitalisierungskonzept

Im Jahr 2013 führte letztendlich eine Projektentwicklungsstudie zu einem erfolgreichen Ideenwettbewerb. Die Finanzierung des Projekts setzt sich zusammen aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE), Mitteln der Städtebauförderung und städtischen Mitteln. Darüber hinaus werden Maßnahmen durch private Investoren realisiert.

Teile der Revitalisierungsmaßnahme des Geländes sind u. a. die Sanierungen der maroden Kaje, des denkmalgeschützten Schornsteins sowie der sogenannten Pressenhalle, der Abbruch von Bestandsgebäuden und die Errichtung einer Promenade mit großflächiger Freiraumgestaltung. Im vorderen Bereich entsteht ein Verbrauchermarkt. Der denkmalgeschützte Schornstein sowie die Pressenhalle werden in eine zukünftige Hotelnutzung integriert. Im hinteren Geländebereich ist umfangreicher Wohnungsbau vorgesehen.

 

Rückbau und Bestandssicherung

Auf dem seit 2005 brach liegenden Gelände mussten insgesamt acht Gebäude unterschiedlichster Bauart zurückgebaut werden. Aufgrund der Nachfolgegewerke waren Planung und Ausführung zeitlich stark begrenzt. Dabei waren stets die Belange des Denkmalschutzes zu berücksichtigen.

Gebäudebestand

Die Kalksandsteinfabrik wurde 1904 bzw. in Teilen 1946 erbaut. In den 1960er- und 1970er-Jahren folgten Modernisierungen. Das eigentliche Fabrikgebäude umfasste insgesamt ca. 15.000 m³ Bruttorauminhalt (BRI) mit diversen bis zu 17 m hohen Silos. Im Zuge des Abbruchs mussten, wie bereits zuvor erwähnt, der denkmalgeschützte Schornstein und die sog. Pressenhalle erhalten bleiben. In der Halle wurden ursprünglich die Steinrohlinge gepresst. Die Besonderheit der Pressenhalle liegt im filigran gefertigten Bogendach aus Stahlbeton und Stahlzugbändern.

Weiterhin befand sich auf dem Abbruchgelände u. a. das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma Kistner. Das 1970 erbaute und ca. 11.500 m³ BRI umfassende Gebäude wies eine vollflächige Fassadenverkleidung aus Asbestzementplatten auf. Des Weiteren befanden sich asbesthaltige Unterlegplatten an der Fassadenkonstruktion. Um etwaigen Verunsicherungen seitens der Bevölkerung vorzubeugen, war ein vorlaufender Informationsaustausch mit den Anwohnern unumgänglich. Darüber hinaus wurden im Gebäude potenziell geeignete Habitatstrukturen für Fledermäuse festgestellt. Aufgrund dessen mussten im Vorfeld des Abbruchs Vergrämungsmaßnahmen durchgeführt und die Strukturen verschlossen werden.

Im westlichen Bereich des Abbruchgeländes befand sich eine ca. 5.500 m³ BRI große Lagerhalle mit angebautem Bunker. Die Dachstärke des Bunkers belief sich auf über 1,30 m. Eine Erschwernis für den Rückbau bestand darin, dass eine Längsaußenwand der Halle und des Bunkers ebenfalls die Außenwand der zu erhaltenden Nachbarhalle darstellte.

 

Stahlträgerkonstruktion zur Sicherung der Pressenhalle
Bildquelle: Bruun & Möllers Landschaftsarchitekten

 

Ingenieurfachplanung und Bauausführung

Im Vorfeld des Abbruchs mussten umfangreiche Abstimmungen mit Behörden und weiteren Dritten getroffen werden. Unter anderem war das Vorgehen bei der Altlastensanierung mit der Bodenschutzbehörde zu vereinbaren. Da gefährliche Materialien ausgebaut und entsorgt wurden, war es notwendig, das Entsorgungsmanagement zuvor mit der Abfallbehörde abzustimmen.

Bevor mit dem maschinellen Abbruch begonnen werden durfte, musste eine Sicherung der denkmalgeschützten Bereiche sowie der Nachbarbebauung erfolgen. Hierfür wurden u. a. Erschütterungsmessgeräte in der Pressenhalle, am Schornstein, an der Nachbarhalle sowie der benachbarten denkmalgeschützten Villa angebracht. Wurden die zuvor festgelegten Grenzwerte überschritten, erfolgte eine Alarmauslösung mit SMS-Funktion an den Bauleiter des Auftragnehmers, die örtliche Bauüberwachung sowie den Auftraggeber. Aufgrund der hochsensiblen Umgebungsvoraussetzungen musste das Abbruchverfahren im Falle eines Alarms immer wieder neu abgestimmt und angepasst werden.

Ertüchtigung der Kaje im Nachgang zu den Abbrucharbeiten
Bildquelle: Bruun & Möllers Landschaftsarchitekten

Tragwerksplanung der Gebäude und Hochwasserschutz

Aufgrund des Denkmalschutzes des Schornsteins und der Pressenhalle sowie des gleichzeitig maroden Zustands mussten diese Bauwerke vor Beginn der eigentlichen Abbrucharbeiten auf dem Gelände ertüchtigt werden. Die Sanierungsmaßnahmen des Schornsteins wurden in einer separaten Ausschreibung berücksichtigt und im Nachgang zum Abbruch durchgeführt.

Vor Abbruchbeginn wurde der Schornstein zunächst um 10 m eingekürzt und mit Stahlringen gesichert. Der Abtrag der oberen 10 Meter musste aufgrund der denkmalschutzrechtlichen Vorgaben händisch erfolgen.

Die Pressenhalle schloss an sämtlichen Längs- und Giebelseiten an weitere Gebäudeteile der Kalksandsteinfabrik an. Durch den Abbruch der umliegenden Bauteile veränderten sich die statischen Randbedingungen, sodass die Standsicherheit der vorhandenen Bausubstanz unter denkmalschutzrechtlichen Anforderungen neu betrachtet werden musste.

Zunächst war es notwendig, die vorhandenen Zugbänder der Tonnendachkonstruktion zu überprüfen und zu ertüchtigen. Zudem wurde eine Giebelwand durch eine Stahlträgerkonstruktion ausgesteift, während die gegenüberliegende Giebelseite abgebrochen wurde.

Für den Rückbau der vorhandenen Lagerhalle sowie des Bunkers entlang der Grundstücksgrenze musste die direkt angrenzende Nachbarhalle vorab gesichert werden. Diese wurde unmittelbar an die Längsseite der nun abzubrechenden Halle angebaut. Es lagen keinerlei Bestandsunterlagen vor, sodass eine intensive Aufnahme vor Ort notwendig war.

Um die Standsicherheit der angebauten Nachbarhalle auch nach Abbruch der Lagerhalle und des Bunkers zu gewährleisten, wurde dort eine Stahlträgerabstützung angebracht. Hierfür wurde die Bestandssohle an den betroffenen Stellen geschnitten und neue Stahlbetonfundamente für die Verankerung der Konstruktion hergestellt.

Der vorhandene Hochwasserschutz durfte zu keinem Zeitpunkt der Abbrucharbeiten beschädigt werden. Aufgrund des maroden Zustands der Kaje musste ein Sicherheitsabstand für sämtlichen Schwerlasttransport eingehalten werden. Im Nachgang zu den Abbrucharbeiten wurde eine neue Kaje errichtet.

 

Unterdruckhaltung des Schwarzbereichs zur Härtekesselsanierung
Bildquelle: Bruun & Möllers Landschaftsarchitekten

Gebäudeschadstoffkataster und Schadstoffsanierung

 

Nach Durchsicht und Auswertung der Bestandsunterlagen wurde das Gebäudeschadstoffkataster erstellt. Hierfür wurden sämtliche Abbruchgebäude begangen und Proben durch sachkundiges Personal (gem. TRGS 519, TRGS 521 etc.) entnommen. Nach Vorlage der chemischen Analyseergebnisse der Proben durch ein akkreditiertes Labor wurden diese ausgewertet. Die Analysen ergaben u. a. das Vorhandensein von Asbest (schwach und fest gebunden), alten KMF, PCB und PAK in diversen Materialien.

 

Im Januar 2018 begann die Bauausführung unter öffentlicher, medialer Beteiligung.

 

Zunächst erfolgten Entrümpelung und Entkernung der Gebäude. Anschließend wurde die Gebäudeschadstoffsanierung durchgeführt. Insgesamt wurden u. a. ca. 150 t asbesthaltige Materialien ausgebaut und einer fachgerechten Entsorgung zugeführt.

 

Beim Ausbau der Asbestzementfassadenplatten am Verwaltungsgebäude musste neben den Bestimmungen der TRGS 519 ebenfalls ein besonderes Augenmerk auf die Absturzsicherung gelegt werden, da der Ausbau von einer Hebebühne aus erfolgte.

 

Neben Asbest befanden sich im Verwaltungsgebäude zahlreiche weitere Gebäudeschadstoffe. Unter anderem waren sämtliche Abhangdecken KMF-haltig, die Dachdämmung bestand aus HBCD-haltigem Polystyrol und die Bodenbeläge waren teilweise PCB-belastet. Dies erforderte eine umfangreiche, dem Abbruch vorausgehende, Schadstoffsanierung.

 

Des Weiteren wurde eine Schadstoffsanierung in der Kalksandsteinfabrik durchgeführt. Die ehemaligen Härtekessel zum Härten der Kalksandsteine waren teilweise mit schwach gebundenem asbesthaltigen Material gedämmt.

 

Für die Sanierung musste ein Schwarzbereich mit angeschlossener Vier-Kammer-Schleuse eingerichtet werden. Hierzu wurde eigens eine Holzkonstruktion mit entsprechend geeigneter Folie zur Herstellung des Schwarzbereichs errichtet. Im Schwarzbereich herrschte ein kontinuierlicher Unterdruck von > 20 Pa, um eine Faserexposition nach außen zu unterbinden.

 

Nachdem die Ummantelungen der Härtekessel entfernt und in Big Bags verpackt worden waren, erfolgte eine Feinreinigung sämtlicher Oberflächen. Bevor der Schwarzbereich schlussendlich zurückgebaut werden konnte, wurde dieser freigemessen.

 

Abbrucharbeiten an der Kalksandsteinfabrik
Bildquelle: Bruun & Möllers Landschaftsarchitekten

Maschineller Abbruch

Nach Entkernung, Sanierung und teilweiser Ertüchtigung erfolgte der maschinelle Abbruch. Besonders der Rückbau der abzubrechenden Gebäudeteile der Kalksandsteinfabrik sowie um den Schornstein herum musste erschütterungsarm und z. T. händisch erfolgen.

Der Gebäuderückbau inkl. Tiefenenttrümmerung dauerte insgesamt neun Monate. Hierbei musste z. B. der Bunker teilweise mittels Frästechnik zurückgebaut werden, um die Erschütterungen auf ein Minimum zu begrenzen.

Über den oberirdischen Rückbau hinaus wurden ca. 2.000 m³ massive unterirdische Bausubstanzen entfernt. Insgesamt wurden ca. 24.000 t diverse Materialien von der Baustelle abgefahren und entsorgt.

Altlastensanierung

Auf dem gesamten Abbruchgelände befand sich ein Auffüllungshorizont von ca. 2,0 bis 4,0 m u. GOK aus Sanden und Schluffen. Teilweise wurden erhebliche Beimengungen aus Schlacken, Holz, Bauschutt und Metall angetroffen. Umwelttechnisch relevante Verunreinigungen ergaben sich durch Kontaminationen aus PAK, MKW, Schwermetallen und PCB. Im Zuge des Rückbaus wurden diverse unterirdische Tanks (bis zu 30.000 l) ausgehoben, stillgelegt und entsorgt. Sämtliche bodengreifende Arbeiten wurden fachgutachterlich begleitet. Hierbei musste individuell festgelegt und mit den Behördenvertretern abgestimmt werden, welche Maßnahmen zur Altlastensanierung erforderlich sind.

Nach Beendigung der Abbrucharbeiten wurde das Grundstück an den Auftraggeber und durch diesen an die Investoren übergeben, um mit den Neubauarbeiten beginnen zu können.

Endzustand der denkmalgeschützten Gebäudeteile der Kalksandsteinfabrik nach Abbruch
Bildquelle: Bruun & Möllers Landschaftsarchitekten
Autoren

Dr. Klaus Konertz

Umtec Prof. Biener | Sasse | Konertz
Partnerschaft Beratender Ingenieure und
Geologen mbB


Ausgabe

BauPortal 3|2020